Ohne ihren Einsatz würde das Schweizer Gesundheitswesen kollabieren: Die Ehefrau, welche ihren Partner pflegt, die Tochter, die für den Vater einkauft, oder die Mutter, die sich um ihr Kind mit Downsyndrom kümmert. Über 64 Millionen Stunden investieren Angehörige jährlich in die Betreuung und Pflege. Die grosse Mehrheit sind Frauen. Sie arbeiten unentgeltlich. Nun beziffert eine Untersuchung im Auftrag der Spitex Schweiz ihre Leistungen: 3,5 Milliarden Franken pro Jahr. Das ist doppelt so viel, wie der Aufwand der Spitex-Organisationen beträgt.

«Ihre Leistungen sind enorm», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Honorarprofessorin der Universität Bern. Sie hat aufgedeckt, wie stark insbesondere pflegende Partnerinnen gefordert sind. Über 60 Stunden stehen sie im Schnitt pro Woche in der Deutschschweiz im Einsatz, in der Romandie und im Tessin sind es gar 90 Stunden. «Sie leisten weit mehr Hilfe, als sie sich eigentlich wünschten, und sind dadurch oft stark belastet.» Insbesondere durch die soziale Isolation seien sie gestresst und bräuchten daher mehr Auszeiten oder Unterstützung. Doch auch Hilfe anzunehmen, ist nicht immer leicht. «Einige haben Hemmungen oder Schuldgefühle, anderen wiederum fehlt das Vertrauen, aber auch das Wissen, wo Hilfe anfordern», sagt Perrig-Chiello.

Diese Problematik hat kürzlich die Gemeinde Bassersdorf ZH erkannt und das Projekt Socius lanciert. «Wir wollen die Angehörigen auf verschiedenen Ebenen unterstützen», sagt Esther Diethelm, Altersbeauftragte. Über mögliche Massnahmen debattiert der Gemeinderat Anfang Jahr. Beispielsweise, ob finanzielle Anreize bestehen sollten. Bereits heute entlöhnen gewisse Gemeinden die Angehörigen mit 15 bis 30 Franken pro Tag. «Es geht darum, ihre Arbeit wertzuschätzen und anzuerkennen, in welcher Form auch immer», sagt Diethelm.

Falsche Anreize
Für Marco Müller, Geschäftsführer des Entlastungsdienstes für Angehörige, steht fest: «Die Anreize sind heute falsch.» So müssten Betagte Betreuungsleistungen wie beispielsweise Unterstützung im Haushalt selber berappen. «Fehlt ihnen das Geld oder wächst den Familienmitgliedern die Situation über den Kopf, ist meist der Eintritt ins Heim die Folge.» Dies komme allerdings die Gemeinde deutlich teurer zu stehen als die Bezahlung für wenige Stunden Betreuung pro Woche.

Der Bundesrat ist sich dessen bewusst. Er wird Anfang 2017 einen Bericht mit Schwerpunkt Entlöhnung sowie Vereinbarkeit von Beruf und informeller Hilfe präsentieren. Heute reduziert ein Drittel der pflegenden Angehörigen das Arbeitspensum, 16 Prozent geben den Job ganz auf. «Das sind alarmierende Zahlen», sagt Entwicklungspsychologin Perrig-Chiello. Die Schweiz sei in Zukunft noch viel stärker angewiesen, dass der Spagat zwischen Beruf und Pflege möglich sei. Denn die Zahl der über 80-Jährigen verdoppelt sich in 20 Jahren. Perrig-Chiello plädiert für flexible Arbeitszeiten und einen Pflegeurlaub vergleichbar mit dem Mutterschaftsurlaub.

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