Die Lage der Flüchtlinge auf der sogenannten «Balkan-Route» – sie wird jeden Tag verzweifelter. Dauerregen, Kälte, der Winter kommt. Und immer wieder Grenzschliessungen, welche die Menschen auf neue Fluchtrouten zwingen – zuletzt am Freitag Stacheldraht zwischen Ungarn und Kroatien.

Private Schweizer Helfer von «Tsüri hilft» im ungarischen Grenzort Hegyeshalom berichten von einer humanitären Katastrophe: Männer, Frauen, Kinder – zu Tausenden kommen sie hier vorbei, ausgehungert, durstig, frierend. Manche nur mit Flipflops an den Füssen, andere seit Wochen in nassen Schuhen, sodass ihnen Helfer die Socken vom wunden Fleisch schneiden müssen. Schwangere gebären Kinder am Strassenrand. Die Helfer verteilen warme Suppe, Tee, Kleider, Medikamente. «Wären wir nicht im Einsatz hier», sagt «Tsüri hilft»-Aktivistin Selma Kuyas, «wäre keiner da, der hilft.»

Die akute Flüchtlingskrise auf europäischem Boden: «Ohne die zahlreichen privaten, freiwilligen Helfer, die auf eigene Faust Hilfsgüter sammeln und ins Krisengebiet fahren, wären die Flüchtlinge auf der Balkanroute vielerorts völlig auf sich alleine gestellt», bestätigt Fred Lauener, unabhängiger Berater für humanitäre Hilfe, der im Auftrag der Caritas bis vor kurzem die Situation in Griechenland und Ungarn beobachtet hat.

Auf die unberechenbaren Wechsel der Fluchtrouten im Niemandsland der Grenzgebiete, die von den Helfern logistische Flexibilität erfordern, «sind viele Hilfsorganisationen nicht eingerichtet», sagt Lauener. Dazu kommen Behörden, die Flüchtlinge loswerden wollen – und die Arbeit der Hilfswerke behindern bis verunmöglichen. Schwierig ist die Lage besonders in Ungarn, wo der Staat die Flüchtlingshilfe kriminalisiert.

Die schwierigen Umstände vor Ort spiegeln sich auch in der geringen Anzahl der Hilfsprojekte, die bisher durch die Glückskette im Krisengebiet finanziert werden. Derzeit laufen gerade mal vier Nothilfe-Aktionen für die Flüchtlinge auf der Balkanroute – drei in Serbien (von Caritas, Heks und Terre des Hommes) sowie ein Projekt an der griechisch-mazedonischen Grenze (von Médecins du Monde). Die Glückskette unterstützt diese Projekte laut eigenen Angaben mit 778 889 Franken. Gesammelt wurden im September jedoch 24 Millionen Franken. Wohin fliessen die restlichen 23 Millionen?

Auf Anfrage teilt die Glückskette-Kommunikationsbeauftragte Daniela Toupane Brisantes mit: «Über 90 Prozent des gesammelten Geldes» fliesse in «Hilfe vor Ort», also in die Konfliktländer wie Syrien und Irak sowie deren Nachbarstaaten. Und weiter: «Weniger als 10 Prozent sind für Nothilfeprojekte auf der Fluchtroute vorgesehen».

Ein eklatanter Widerspruch zu den Aussagen während des zurückliegenden Glückskette-Sammelmonats.

Rückblende: Anfang September, als sich die Flüchtlingskrise auch auf europäischem Boden zuzuspitzen beginnt, ruft die Glückskette zum Spenden auf. «Der humanitäre Imperativ verlangt es von der Schweiz, den Hilfswerken und der Glückskette, ihre Hilfe zu intensivieren», schreibt Glückskette-Direktor Tony Burgener in seinem Spendenaufruf. Ausdrücklich und zuvorderst weist die Glückskette dabei auf die Not der Flüchtlinge «auf dem Fluchtweg» hin.

Allein der nationale Sammeltag – begleitet von allen SRG-Kanälen – spülte am 15. September sieben Millionen Franken in die Kasse der Glückskette. «Geld geht vor allem an Nothilfe auf Balkanroute», schreibt SRF, das für die Sammelaktion eine Sondersendung ausstrahlt. «Im Moment brauchen unsere Partner-Hilfswerke vor allem Unterstützung für die Nothilfe auf der Balkanroute, wo die Menschen in Richtung Westen flüchten», betont Glückskette-Kommunikationsleiterin Priska Spörri. Die Spenden erlaubten es, bereits angelaufene Nothilfe weiterzuführen. «Emotionales, das wir gesehen haben, wirkt sich jetzt aus», sagt Spörri auf Radio SRF 4. «Unsere Partnerhilfswerke brauchen vor allem Mittel für die Nothilfe auf der Balkanroute.»

Warum dieser Kurswechsel? «Schweiz am Sonntag»-Recherchen zeigen: Ausgerufen hat die Glückskette den Sammelmonat nicht wegen der Flüchtlingskrise auf dem Balkan, sondern weil für die laufenden Flüchtlingsprojekte in Syrien und dem Irak sowie in den Nachbarstaaten zuletzt nur noch 200 000 Franken in der Glückskette-Kasse übrig waren. Um die neu gesammelten Mittel vor allem für die laufenden Projekte zu sichern, will Glückskette-Direktor Tony Burgener, die Balkanhilfe auf sogenannte «Direktorenanträge» beschränken – damit können Projekte schnell und unbürokratisch bewilligt werden, sind aber auf 200 000 Franken pro Projekt beschränkt.

Mit diesem Entscheid brüskiert die Sammelorganisation auch Partnerhilfswerke. «Wir haben davon letzte Woche in einem Glückskette-Newsletter erfahren und können diesen Entscheid nicht nachvollziehen», sagt Caritas-Geschäftsleitungsmitglied Odilo Noti. Allein für zwei Hilfsprojekte – darunter ein Überwinterungsprogramm für Flüchtlinge in leerstehenden Hotels auf der griechischen Insel Lesbos – wollte die Caritas bei der Glückskette 2,3 Millionen Franken beantragen. «Damit würden wir die 10 Prozent der 24 Millionen, welche die Glückskette für Hilfe auf der Balkanroute zur Verfügung stellen will, fast allein ausschöpfen», so Noti. Dass nur Projekte bis 200 000 Franken möglich sein sollen, stellt die Pläne grundsätzlich infrage.

Konfrontiert mit der aufkommenden Kritik will Glückskette-Direktor Tony Burgener vom Brosamen-Entscheid für die Balkanhilfe plötzlich nichts mehr wissen – und räumt Fehler ein: «Wir haben immer den Geldbedarf für die laufenden Projekte betont, die Kommunikation aber vielleicht zu stark auf die neue Situation auf dem Balkan ausgerichtet.» Er verspricht «Flexibilität»: «Am Ende werden wir vielleicht 50 Prozent der Mittel auf dem Balkan einsetzen, je nach Entwicklung und Projektanträgen.»

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