Der Glaziologe Matthias Huss steht auf dem höchsten Berg der Ostschweiz, dem Säntis, und misst mit seinem Expertenteam von der Universität Freiburg einen winzigen Gletscher aus, den Blau Schnee. «Am Mittwoch hat es stark geschneit, 30 Zentimeter», sagt Huss. «Der Neuschnee verhindert, dass das Eis des Gletschers der Sonne ausgesetzt ist und weiter schmilzt.»

Seit drei Wochen ist Huss mit seiner Forschungsmannschaft in der Schweizer Berglandschaft unterwegs, um die Gletscher nach dem Hitzesommer 2015 auszumessen. Genaue Resultate liegen noch nicht vor. Zusammen mit der Universität Freiburg und der ETH Zürich sei man daran, die Daten auszuwerten.

Eine erste Bilanz zeigt aber: Die Gletscherschmelze im Jahr 2015 war klar über dem Durchschnitt. Die Gletscher dürften fast so stark geschmolzen sein wie im Rekordjahr 2003 nach dem Jahrhundertsommer. Damals schrumpfte die Eisdicke aller Schweizer Gletscher um rund drei Meter.

Huss stapft durch den Neuschnee auf der Nordseite des Säntis. «Es ist ungewöhnlich, dass es zu dieser Jahreszeit schon so viel Schnee hier oben hat», sagt er. Der diesjährige September sei kälter als in anderen Jahren und kompensiere die extreme Gletscherschmelze vom heissen Juli und August zu einem Teil. Mehrmals haben die Glaziologen notfallmässig die Messpegel neu in das Eis einbohren müssen, weil sie die Sommerhitze herausgeschmolzen hatte. Er sagt: «Als ich im Sommer auf den Gletschern unterwegs war, sah es noch nach einem neuen 2003 aus. Der September verändert dieses Bild nun aber und verhindert eine ganz extreme Entwicklung.»

Seit zehn Jahren verlieren die Schweizer Gletscher durchschnittlich rund einen Meter an Dicke pro Jahr. «Dieses Jahr sind die Gletscher sicher mehr als einen Meter abgeschmolzen», sagt Huss. In Österreich liegen für dieses Jahr bereits genauere Auswertungen vor. Andrea Fischer, Glaziologin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, sagt: «Nach zwei relativ kühlen, gletscherfreundlichen Jahren sind die Abschmelzraten in diesem Jahr wieder extrem.» Ganz klar werde sich der Sommer 2015 in die Jahre mit starken Verlusten einreihen. Ähnlich wie Huss sagt auch Fischer: «Wir kommen in die Nähe des Rekordjahres 2003, werden dieses aber an den meisten Gletschern nicht überschreiten.»

Erste Ergebnisse liegen in Österreich für den Stubacher Sonnblickkees-Gletscher vor, der in der Hochgebirgsregion Hohe Tauern in den Zentralalpen liegt. Laut den Berechnungen des Salzburger Universitätsprofessors Heinz Slupetzky hat der Gletscher über seine ganze Fläche von 0,9 Quadratkilometern durchschnittlich an 2,4 Meter Dicke verloren. Das sind 2,2 Millionen Kubikmeter Eis. Erste Werte gibt es auch schon vom Jamtalferner. Dieser liegt auf der österreichischen Seite der Gebirgsgruppe Silvretta. Im Jahr 2003 zeigte dort der unterste Eispegel einen Massenverlust von 600 Zentimetern an. Fischer sagt: «Dieses Jahr zeigte derselbe Eispegel einen Verlust von 597 Zentimetern.» Die Glaziologin vermutet, dass die Messungen beim Silvrettagletscher, der auf derselben Gebirgskette, aber auf Schweizer Boden liegt, wohl ähnlich extreme Resultate ergeben werden.

Ende 2100 wird es noch 10 Prozent des heutigen Gletschervolumens geben. So lauten die Prognosen der Schweizer Glaziologen. Matthias Huss sagt: «Das wird einiges verändern.» Derzeit befinde man sich in einer Übergangsphase. Die Gletscher ziehen sich in höhere Lagen zurück, während sie unten Geröllwüsten oder Seen zurücklassen. Das bedeute noch keine grossen Probleme. Das werde sich aber verändern, wenn sie eines Tages ganz weggeschmolzen seien. «Trockene Täler, in denen im Sommer viel Wasser für Bewässerung gebraucht wird, können derzeit noch von der Gletscherschmelze profitieren. Gibt es keine Gletscher mehr, könnte es bei ihnen zu einer Wasserknappheit kommen.»

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