Entgegen der landläufigen Wahrnehmung wandern nicht nur Muslime in die Schweiz zu, sondern vor allem auch Christen. Eine neue Untersuchung des Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen zeigt: Nie sind in hierzulande mehr christliche Migrations-Gemeinden gegründet worden als in den letzten 15 Jahren – vor allem evangelische Kirchen sowie Orthodoxe. «Dieser Boom wird die Religionslandschaft so stark prägen, wie es zuletzt zur Zeit der Reformation geschehen ist», schreiben die Studienautoren.

Kamen in der Nachkriegszeit primär Italiener und Spanier in die Schweiz, öffnete der Fall des Eisernen Vorhangs die innereuropäische Migration und heute wachsen die Gemeinden von Syrern, Eritreern und Äthiopiern besonders rasch. «Mit dieser starken Zunahme von christlichen Gemeinden haben die beiden heimischen Grosskirchen nicht gerechnet», sagt Studienautorin Judith Albisser. Doch die schweizerische Kirchenlandschaft sei Multikulti und werde es auch bleiben.

Noch fristen die Migrations-Kirchen allerdings häufig ein Hinterhof-Dasein. Oft fehlt es ihnen am Nötigsten: An Geld, da sie nicht als Landeskirche anerkannt sind und sich nicht über die Kirchensteuer, sondern über Vereinsbeiträge oder Spenden finanzieren müssen. Ebenfalls suchen viele verzweifelt Räumlichkeiten.

So drängen sich Sonntag für Sonntag rumänisch-orthodoxen Gläubige in die Krypta der St. Katharina Kirche in Zürich. «Es kommen meist doppelt so viele Leute, wie es Sitzplätze hat», sagt Pfarrer Romica Enoiu. Manchmal seien es so viele, dass sie nicht einmal mehr zum Altar sehen. Die rumänische Gemeinschaft ist in den vergangenen Jahren in den Ballungszentren Zürich und Genf stark gewachsen und umfasst heute mehrere Tausend Mitglieder. Pfarrer Enoiu hat Dutzende Kirchen angeschrieben, ob er ein Gotteshaus permanent mieten könne. Vergeblich. Alle Anfragen wurden abgelehnt. «Mehrere Kirchen von Reformierten stehen leer und wir können nicht alle sitzen», sagt er enttäuscht.

Dies ist auch für Peter Wittwer unverständlich. Der Pfarrer setzt sich als Beirat im Verband orthodoxer Kirchen für Einwanderer ein. Er nimmt vorrangig die reformierten Kirchen in die Pflicht. «Sie haben grösseren Spielraum als Katholiken», sagt Wittwer. Gerade im Raum Zürich, wo sich die meisten Zuzüger niederlassen, würden sie über mehr Gebäude als die Katholiken verfügen und gleichzeitig stärker Mitglieder verlieren. Zudem seien sie bei der Gottesdienstgestaltung freier; dieser findet nicht zwingend am Sonntagmorgen statt.
Noch tun sich die heimischen Kirchen mit der neuen Situation schwer. Wittwer gibt sich trotzdem zuversichtlich: «Es braucht einfach Zeit.» Dies erführen auch die byzantinisch-orthodoxen Gläubigen. Obwohl ihre Anhänger – Serben, Russen oder Griechen – schon länger hier leben, dauerte es Jahre bis sie eigene Gotteshäuser erhielten.

Mittlerweile erbauten die Griechen jedoch in Münchenstein BL und Zürich eigene Kirchen. Und die Serben kauften 2006 die Kirche Maria Entschlafen der Neuapostolen ab und sind zudem ebenfalls in Zürich Langzeitmieter in der Kirche Heilige Dreifaltigkeit. Über 30‘000 Mitgliedern umfasst die serbische Gemeinde heute. Gläubige aus der Region Aargau, Schaffhausen und Zürich strömen sonntags in die Liturgie. «Uns fehlen noch Gemeinschaftsräume sowie Büros», sagt Pfarrer Branimir Petkovic. «Doch erst sind jetzt die altorientalischen Orthodoxen dran. Sie suchen noch verzweifelter nach Räumen.»

Das bestätigt auch Stephan Schwitter von der katholischen Migrantenseelsorge: «Besonders schwierig ist es derzeit für die Eritreer und Äthiopier.» Ihre Gemeinschaften vergrössern sich rasch und sie stossen in gemieteten Räumen immer wieder an Grenzen. Wie kürzlich in Opfikon ZH. Dort durften äthiopische Orthodoxe zwar in der katholischen Kirche die Krypta nutzen, doch es war viel zu eng. Aus Sicherheitsgründen musste die Zusammenarbeit aufgelöst werden.

Allerdings gibt es auch andere Beispiele. Eine der jüngeren orthodoxen Gemeinde ist die Bulgarische. Sie können ihre Liturgien derzeit in Witikon in der Maria Krönung Kirche abhalten. Ebenfalls übernahmen syrische Orthodoxe in Arth SZ ein Kapuziner-Kloster und die koptisch-orthodoxe Gemeinde pachtet seit diesem Jahr in Grafstal ZH eine Kirche. «Das stimmt mich zuversichtlich», sagt Schwitter. Allerdings müssten Reformierte und Katholiken noch mehr tun und sich fragen: Haben wir nicht doch Platz?

Für Pfarrerin Dinah Hess, Leiterin des Zentrums für Migrations-Kirchen, steht fest: «Die Migrantenkirchen tragen einen wesentlichen Beitrag zur Integration der Zugewanderten in den hiesigen Alltag bei.» Sie würden bei Übersetzung im Umgang mit Behörden oder bei der Jobvermittlung helfen und auch seelsorgerische Aufgaben übernehmen. Beispielsweise ihre Landsleute im Spital oder Gefängnis unterstützen. «Es ist daher an der Zeit, dass Landeskirchen und Behörden diese Leistungen wertschätzen und grosszügig unterstützen», sagt Hess.

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