Es wurde geschossen in der Genfer Altstadt. Viel geschossen. Immer wieder laden die Musketiere ihre Gewehre und feuern Böllerschüsse ab. Sie sind fester Bestandteil des Genfer Volksfestes «L’Escalade», das die Genfer dieses Wochenende feiern. Der Knall der Musketen ist so intensiv, dass auf den vielen Smartphone-Bildschirmen kaum ein scharfes Bild gelingt.

Man zuckt instinktiv zusammen, wenn man die Böllerschüsse hört. In diesen Tagen etwas mehr als sonst. Denn in Genf herrscht Terror-Alarm. Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillieren am Hauptbahnhof und auch in der Altstadt markieren Polizisten demonstrativ Präsenz. «Les terroristes sont là» titelte die Westschweizer Boulevardzeitung «Le Matin» und zeigte Bilder von vier jungen bärtigen Männern. Sie gleichen den Attentätern von Paris.

Die Genfer geben sich trotzig. Genf ist nicht Paris und auch nicht Brüssel, wo vergangene Woche das öffentliche Leben stillstand aus Angst vor Anschlägen. «Quelle menace terroriste?», fragt ein Mitfünfziger mit Brustpanzer und Lanze zurück, als er auf die Terror-Gefahr angesprochen wird. Ein Passant der das Gespräch mitbekommen hat, beteuert: Genf lasse sich die Festlaune nicht verderben. «Die Pariser Bevölkerung blieb nicht einmal nach den Anschlägen zu Hause. Auch wir Genfer zeigen, dass wir keine Angst haben. Wir lassen uns von der Terror-Warnung nicht einschüchtern», sagt er.

Diese Haltung passt zur «Escalade». Genf feiert jährlich im Dezember die Verteidigung der Stadt gegen einen hinterhältigen Angriff der Savoyer. Diese waren im Jahre 1602 auf Leitern über die Stadtmauer geklettert. Wie die Genfer damals Herzog Karl Emanuel I und seinen Söldnern widerstanden, wollen die Genfer heute der Terrorangst trotzen. Die Geschichte klingt wie das Drehbuch eines Hollywood-Films. Die Realität sieht anders aus.

Es sind zwar tatsächliche viele Leute am Volksfest. Als Pinguine verkleidete Pfadfinder watscheln fröhlich hinter Lanzenträgern, Tambouren und Pfeiffer scheppern und trällern durch die Gassen. Es riecht nach Glühwein und Crépes. Aber es sind weniger Menschen gekommen als sonst, obwohl die Sonne gestern schien wie sonst nur an einem lauen Frühlingstag. «Der Andrang ist kleiner als in früheren Jahren», sagt eine Frau, die in einer mittelalterlichen Bauerntracht Programme verteilt. Ein Polizist brummt: «Die Leute haben Angst.»

Die Angst scheint auf den ersten Blick unberechtigt. Das Volksfest verläuft ohne Zwischenfälle. Selbst das internationale Treffen zur Syrien-Frage vom Freitag, das als Ziel der Terroristen galt, fand statt – wenn auch verlegt an einen geheimen Ort. Kritik an den Genfer Behörden kam auf. Machten sie aus einer Routine-Warnung eines befreundeten Geheimdienstes eine Terror-Hysterie?

Die vier Verdächtigen wurden auch am Samstag nicht gefunden. Dies sagte der Genfer Oberstaatsanwaltschaft Olivier Jornot am Abend an einer Pressekonferenz. Entwarnung gab er nicht. Die erhöhte Alarmbereitschaft bei Behörden und in der Bevölkerung förderte aber erschreckendes zutage. Am Freitag nahm die Polizei in Genf zwei Syrer fest, die einem Lieferwagen unterwegs waren und sich verdächtig verhielten. Als Polizisten das Fahrzeug untersuchten, fanden sie Rückstände von Sprengstoff. Spuren von Giftgas hingegen fanden sie nicht.

Ein entsprechendes Gerücht war wegen des Straftatbestandes entstanden, dessen die beiden Syrer am Samstag von der Bundesanwaltschaft bezichtigt wurden: «Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase». Die zwei Syrer, die beteuern, erst am Freitag in die Schweiz eingereist zu sein werden zudem verdächtigt, Mitglieder von «Al-Kaida», dem «Islamischer Staat» oder verwandter Organisationen zu sein. Hinweise auf eine Verbindung zwischen den Syrern und den gesuchten Bartträgern gibt es bisher keine.

Am Samstag stiess die Genfer Polizei aber auch auf ein Waffendepot. Pistolen, Pump-Guns und mehrere Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow sowie Survival-Ausrüstung wurden bei einer Razzia sichergestellt. Allerdings handelt es sich beim Verhafteten nicht um einen Dschihadisten, sondern offenbar um einen Schweizer Neonazi. Bei ihm wurden eine Nazifahne und Literatur gefunden. Bei der Genfer Polizei gehen aus der Bevölkerung gehen laufen Hinweise ein, sagte Oberstaatsanwaltschaft Jornot und kündete an: Es wird in den nächsten Tagen weitere Verhaftungen geben. An die internationale Journalistenschar – von Agence France Presse bis CNN – die vor der Medienkonferenz wie am Flughafen durch eine Sicherheitsschleuse mussten, richtete er einen Apell. «Nicht jedes Mal, wenn wir ein Fahrzeug kontrollieren oder Verdächtige verhaften, handelt es sich um einen Fall von internationalem Terrorismus.» Ob das reicht, um die Genfer Bevölkerung zu beruhigen?

Heute findet ein grosser Festumzug statt. Er ist der Höhepunkt des Volksfestes «L’Escalade», an dem viel geschossen wird.

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