Susanne Ruoff ist die mächtigste Frau in der Schweizer Wirtschaft, gemessen an der Anzahl Mitarbeiter, für die sie verantwortlich ist. 62 000 Menschen arbeiten bei der Post, in Vollzeitstellen ausgedrückt sind es gut 43 000. Wenn Ruoff am kommenden Donnerstag vor die Medien tritt, um ihren ersten Jahresabschluss als Post-Chefin vorzustellen, werden alle Augen auf sie gerichtet sein.

Ruoff ist im Auftritt eher sanft, sie lässt an Sitzungen diskutieren und hört zu. Das brachte ihr Kritik von «Bilanz» und «Blick» ein, die sich nach der starken Hand eines Ulrich Gygi oder Jürg Bucher sehnen, welche als schnelle Entscheider bekannt waren. Post-intern kommt Ruoffs neuer Stil («ich führe anders als meine Vorgänger») durchaus an.

Schon bald wird die 55-Jährige aber unpopuläre Entscheidungen treffen. Das Kerngeschäft der Post schrumpft immer schneller. Betrug der Rückgang der Briefmenge 2012 noch 1,8 Prozent, waren es 2013 schon 2,5 Prozent, und der Trend setzt sich fort, wie gut informierte Quellen bestätigen. Bei der Post befürchtet man sogar einen «Rutsch»: In den nächsten zwei, drei Jahren könnte der Rechnungsversand einbrechen, weil sich das elektronische Billing allmählich durchsetzt. Kürzlich wies Ruoff im Interview mit der «Schweiz am Sonntag» auf das Beispiel Skandinavien hin: In Dänemark stürzte der Briefverkehr innerhalb eines einzigen Jahres um 11 Prozent ab.

Jahr für Jahr verliert die Post wegen des Briefrückgangs mindestens 25 Millionen Franken. Diesen Ausfall kann sie nur zu einem kleinen Teil kompensieren durch das digitale Geschäft und durch das Wachstum beim Paketversand; dort sind die Margen tiefer, denn der Markt ist voll liberalisiert.

Am liebsten würde Ruoff die Tarife erhöhen. Die A- und B-Post hat seit zehn Jahren nicht mehr aufgeschlagen. Aber der Preisüberwacher hat das bis März 2016 untersagt. Deshalb will die Konzernleitung beim Personal sparen. Entlassungen waren beim Staatsbetrieb stets tabu und bleiben es vorerst. Und doch sollen in den nächsten fünf Jahren Tausende von Jobs wegfallen – indem Mitarbeiter, die in Rente gehen, nicht mehr ersetzt werden. Ruoff spricht von einer eigentlichen «Pensionierungswelle», die bevorstehe. Diese soll zum Abbau genutzt werden. Und der hat schon begonnen: Im vergangenen Jahr wurden fast 1000 Stellen eingespart, ohne dass dies öffentlich wahrgenommen worden wäre. Wie viele Personen die Kernbereiche Briefe und Poststellen in fünf Jahren noch beschäftigen werden (zurzeit sind es 24 000 Vollzeitangestellte), hängt auch von der Politik ab. Der Abbau wird noch deutlicher ausfallen, wenn die Post in drei Jahren ihr letztes Monopol verlieren sollte, jenes bei Briefen bis 50 Gramm. Darüber werden Bundesrat und Parlament entscheiden.

164 Jahre lang war die Post eine öffentliche Anstalt, seit 2013 ist sie eine Aktiengesellschaft – was als unmittelbare Folge zu einem Einbruch beim Konzerngewinn führt, weil die Post nun rund 200 Millionen Steuern zahlen muss . Bei der Post AG mit ihrer sanften Chefin stehen harte Entscheidungen an.

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