Yasmin Mohammad Matova, 4 Jahre alt. Abdullah Mahmoud Baraka (24). Hamdi Badea Sawuli (33). Sharman Ismail Abu al-Kjus (42): vier der 1600 im Gaza-Konflikt getöteten Palästinenser. 400 Demonstranten auf dem Bundesplatz gedachten ihrer gestern in einer Schweigeminute. «Wir stehen hier mit Schmerz, Trauer und Zorn», sagt Elisabeth Lutz vom Verein Gerechtigkeit und Frieden in Palästina (GFP). «Das ist aber nicht gleichbedeutend mit Hass.»

Lutz hat die Demo organisiert. Und die Organisatoren haben auf ihrem Demo-Flugblatt «mit Nachdruck» betont, «dass sie keine rassistischen und antijüdischen Plakate und Parolen tolerieren». Die Demonstranten hielten sich daran.

Das ist nicht selbstverständlich. In den vergangenen Wochen zeigte sich in der Schweiz ein neues Phänomen: Junge Muslime zwischen 18 und 30 Jahren fielen vor allem auf sozialen Netzwerken durch antisemitische Hetze und Drohungen auf. Es handelt sich um vorwiegend männliche Secondos, die sich oft in kurzer Zeit radikalisiert haben.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hat auf die neue Entwicklung reagiert. «Der SIG hat 15 Personen bei den Behörden angezeigt und sie gebeten, gegen diese Personen ein Verfahren wegen Drohungen und diskriminierenden Äusserungen zu eröffnen», bestätigt Patrick Studer, SIG-Beauftragter für Prävention und Information. «Es geht in der Mehrzahl um Männer zwischen 18 und 30 Jahren, um Secondos aus der Türkei, dem Kosovo und dem Balkan.»

Es ist die Facebook-Seite «Demo für Palästina in der Schweiz», in der junge Frauen und Männer türkischer, albanischer und kosovarischer Herkunft mit judenfeindlichen Hasstiraden und Gewaltaufrufen auffallen. Der Einstieg in die Seite bildet eine Fotocollage. Sie zeigt oben Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und unten Adolf Hitler. Beide haben den rechten Arm zum Gruss erhoben. «Same shit, different asshole – gleiche Scheisse, andere Verpackung», heisst der Kommentar dazu.

Auf der Seite finden sich happige Aussagen. «Früher wurden die juden verfolgt und jetzt jagen die zionisten die palestinänser», schreibt etwa ein A. H. Eine N. M. S. meint: «Nun zu dir A. (...), du Heimatloser unterbelichteter Jude: halt die backen!!!!! Hast dich in einem der letzten post, genug über tote Palästinenser lustig gemacht du Hund!!!!!!» Noch deutlicher wird H. T.: «Macht die Demos in den verdammten Judenviertel in der Schweiz, dann sorgen wir auch für mehr aufmerksammkeit!» Auffällig viele der Kommentare schliessen mit einem «Allahu Akbar» («Gott ist gross»).

Dem SIG fiel es leicht, Muslime zu identifizieren, die in Kommentaren hetzen oder drohen. Einzelne schreiben unter ihrem echten Namen, andere haben ihn nur leicht verfremdet. Dritte wiederum posieren vor ihrem Wagen mit unverdeckter Autonummer.

Die islamischen Organisationen haben Kenntnis von den Vorfällen. «Wir verurteilen in aller Schärfe und mit Nachdruck alle Aufrufe zu Hass und Gewalt», sagt Hisham Maizar, Präsident des islamischen Dachverbands Fids. Der Konflikt in Gaza sei hochemotional. «Da lassen sich einige wenige fehlgeleitete Drohreaktionen leider nicht vermeiden. Dennoch müssen sie verfolgt und geahndet werden.» Maizar warnt aber, nun von den Muslimen als Bedrohung für die Juden zu sprechen. «Das wäre verantwortungslos.» Er habe SIG-Präsident Herbert Winter «ausführlich dargelegt, dass wir alles tun, um eine Eskalation abzuwenden».

«Dass es solche Fälle gibt, bestreite ich nicht», sagt auch der grüne Nationalrat Daniel Vischer, Präsident der Gesellschaft Schweiz - Palästina. «Das ist ein fanatisierter Kreis. Daraus darf man aber nicht auf eine Grundstimmung bei den Muslimen in der Schweiz schliessen.»

Hisham Maizar seinerseits hat seinen Kollegen Winter eingeladen, eine jüdische Botschaft «an die Palästinenser und alle Muslime in der Schweiz zu richten». Für das «gegenseitige Verständnis».

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