Es ist heute vielerorts normal, dass Jungeltern fünf Praxen abklappern müssen, bis sie einen Kinderarzt finden. Oft scheitern sie gänzlich. «Der Notstand in der Kinder- und Jugendmedizin ist Realität», sagt Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes. Eine neue Untersuchung des Verbandes zeigt das wahre Ausmass des Problems. «Die Unterversorgung in der Kinder- und Jugendmedizin variiert zwischen 30 und 80 Prozent», sagt Iselin – je nach Bezirk. Und der Notstand wird sich in naher Zukunft verschärfen: Im Aargau ist jeder dritte Pädiater über 60 Jahre alt und steht vor der Pensionierung.

Die Befunde der Aargauer Untersuchung, die dem «Sonntag» vorliegt, dürften schweizweit gültig sein. «Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen können nicht von Kinderärzten betreut werden», sagt Rolf Temperli, Co-Präsident des Berufsverbandes Kinderärzte Schweiz. Er muss täglich Eltern abweisen.

Über den Mangel an Hausärzten wird schon länger geklagt, doch besonders akut ist er bei den Kinderärzten. «In der Kinder- und Jugendmedizin ist diese Entwicklung noch akzentuierter», sagt Philipp Jenny, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP). Noch würden diese Lücken ausländische Ärzte füllen. «Doch es ist eine Frage der Zeit, bis dies nicht mehr möglich ist», sagt Jenny. Deutschland und Österreich hätten die gleichen Probleme und steigerten die Attraktivität, um ihre selbst ausgebildeten Ärzte zu behalten.

Einen Grund für die Misere sehen Fachleute im hohen Anteil weiblicher Fachkräfte. «In der Pädiatrie gibt es einen sehr grossen Frauenanteil und somit einen sehr grossen Anteil von Teilzeitarbeitenden», sagt Wolfgang Brunschwiler, Präsident Aargauer Kinderärzte. Ein weiteres Problem: Es hat immer weniger Generalisten unter den Kinderärzten. «Aufgrund medizinischer Fortschritte ist es auch in der Pädiatrie zu einer Spezialisierung gekommen.», so Brunschwiler. Den Numerus clausus wertet er zudem als «ungeeignetes Selektionsmittel» zur Auswahl von Ärzten, vor allem aber von zukünftigen Kinder- oder Hausärzten: «Die persönlichen Qualitäten wie Empathie, Durchhaltewille, Kommunikationsstärke und Flexibilität werden nicht berücksichtigt.»

Im Kanton Zürich schliessen pro Jahr nur zwei bis drei Ärzte ihre Fachausbildung im Kinderspital ab. «Das ist zu wenig, um den kantonalen Bedarf zu decken», so Markus Good, Präsident der Vereinigung Zürcher Kinderärzte. Er sagt: «Eigentlich sollten Eltern mit Kindern bis 16 Jahre jederzeit einen Kinderarzt aufsuchen können.»

Für Eltern bleibt oft kein anderer Weg, als ins Spital auszuweichen. Das Kinderspital Zürich betreibt seit Anfang 2010 an Wochenenden und Feiertagen eine spezielle Notfallpraxis. Die Bagatellfälle werden so von Kinderärzten betreut. «Der Grossteil der Kinder hat keine schweren Erkrankungen, sondern Schnupfen, Fieber oder Durchfall. Also gesundheitliche Probleme, die nicht in eine Notfallstation eines Universitätsspitales gehören», sagt Georg Staubli, Leitender Arzt der Notfallstation im Kinderspital Zürich. Das Projekt war ursprünglich auf ein Jahr befristet, nun wird es ausgebaut.

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