Was sind sie denn nun, unsere 16-Jährigen: Grosse Kinder? Oder kleine Erwachsene? Ist ihnen zuzutrauen, was man bislang den 18-Jährigen zutraut? Zum Beispiel Autofahren, wie das der Bund beim Lernfahrausweis prüft? Oder Wählen und Abstimmen, wie das in Glarus bereits der Fall ist und in anderen Kantonen zur Debatte steht? Zuletzt kam dieses Thema wegen der Brexit-Abstimmung wieder auf: Klagen wurden laut, wonach die alternde Gesellschaft sich gegen die Interessen der Jugend stelle – die Rentner haben gemäss Umfragen den Ausschlag für den Austritt Grossbritanniens aus der EU gegeben, während die junge Generation mehrheitlich für den Verbleib war, allerdings nur in kleiner Zahl an die Urne ging.

Körperlich ist 16 gewissermassen das neue 18. Die Pubertät setzt immer früher ein. Doch sind die heutigen 16-Jährigen deshalb auch mental reifer, als es die vorhergehenden Generationen in ihrem Alter waren? Behalten sie im Kreisverkehr die Übersicht? Und können sie sich über die Unternehmenssteuerreform eine Meinung bilden?

«Anforderungen sind gestiegen»
Die Jugendlichen seien heute tatsächlich früher reif und kompetent, sagt Marlis Buchmann, Soziologieprofessorin an der Universität Zürich mit Spezialgebiet Jugendforschung. Insgesamt seien die Anforderungen an 16-Jährige gestiegen. Dafür müssen sie sich das nötige Rüstzeug holen: «Die meisten Jugendlichen können gut damit umgehen.» Doch nur weil Jugendliche heute manches früher beherrschen, ist die Jugendphase nicht automatisch auch früher abgeschlossen: Der Ausbau des Bildungswesens habe auch zu einer Ausdehnung der Jugendphase nach hinten geführt, sagt Buchmann. Denn in den Augen der Gesellschaft braucht es weiterhin einen Ausbildungsabschluss, einen Beruf und eine Familie, um als erwachsen zu gelten: «Wir sind früher reif, aber später erwachsen», sagt Buchmann.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen haben einen biologischen Hintergrund: «In vielerlei Hinsicht sind die heutigen 16-Jährigen tatsächlich reifer als ihre Altersgenossen in früheren Zeiten», sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie in Zürich. Wissenschaftlich lassen sich Veränderungen sowohl im körperlichen als auch im kognitiven Bereich belegen. Daum verwendet den Fachbegriff der «säkularen Akzeleration» – der Beschleunigung einer biologischen Entwicklung im Verlauf eines Jahrhunderts.

Ernährung als Ursache
So tritt etwa bei jungen Frauen die erste Periode während der Pubertät heute durchschnittlich mit etwa 13 Jahren ein – vor hundert Jahren lag dieser Wert bei 17 Jahren. Bei jungen Männern hat sich das Einsetzen der Spermienproduktion zeitlich nach vorn verschoben. Auch bei anderen Merkmalen sind die heutigen Jugendlichen weiter entwickelt, etwa beim Bartwuchs oder der Körpergrösse. Sie stieg in den letzten hundert Jahren im Schnitt um 11 Zentimeter an: «Würde man eine Foto einer Gruppe 16-jähriger Männer von vor hundert Jahren neben eine von heute stellen, könnte man deutliche Unterschiede erkennen», sagt Moritz Daum.

Die Gründe für diese Entwicklungen sind laut Daum vielfältig: «Umweltfaktoren wie die Veränderung in der Ernährung, die bessere Versorgung mit Vitaminen und ein verbessertes Gesundheitssystem haben dazu beigetragen.» Doch das frühere Einsetzen körperlicher Entwicklungen schreitet nicht unaufhaltsam voran. Aktuelle Daten liefern Hinweise darauf, dass die «säkulare Akzeleration» stark verlangsamt ist: «Es zeichnet sich ein Deckeneffekt ab», sagt Daum. In Zukunft würden Jugendliche nicht mehr jünger sexuell reif, stärker wachsen oder noch früher Bartwuchs haben. Die verantwortlichen Umweltfaktoren veränderten sich kaum noch.

Auch beim Intellekt lassen sich Veränderungen feststellen. Eine einfache Erklärung dafür gibt es nicht: «Die Fortschritte im kognitiven Bereich haben mehr als einen Grund.» Das Hirn sei ein dermassen komplexes Körperorgan, dass es nicht unbedingt wegen veränderten Ernährungsgewohnheiten automatisch leistungsfähiger werde. Trotzdem sagt Daum, dass Kinder und Jugendliche heutzutage früher im Leben über ein grösseres Wissen und über besser entwickelte oder ganz andere Problemlösungsstrategien verfügten als in früheren Generationen.

«Altersgrenze flexibilisieren»
Zeit also, den weiter entwickelten heutigen 16-Jährigen das Wahlrecht zuzugestehen und sie hinters Steuer zu lassen? Aus Sicht der Hirnforschung sei es willkürlich, die Volljährigkeit auf 18 Jahre festzulegen, sagt der Psychologe Tobias Hauser vom University College London: «Das ist einfach eine gesellschaftliche Norm.» Denn die Hirnentwicklung eines Jugendlichen sei auch mit 18 Jahren nicht abgeschlossen, sie dauert bis zum 25. Lebensjahr.

Hauser plädiert dafür, die Altersgrenze je nach Sachfrage flexibel zu handhaben: «Gewisse Fertigkeiten müssen antrainiert werden, weshalb ein Verbot bis zum 18. Altersjahr nicht in jedem Fall Sinn macht.» In der Adoleszenz sei man risikofreudiger als im Erwachsenenalter. Es gehe deshalb immer um eine Abwägung zwischen Risiko und Ermächtigung. Beim Autofahren, wo ein zu risikoaffines Verhalten negative Konsequenzen haben kann, mahnen Erkenntnisse aus Psychologie und Hirnforschung zur Vorsicht. Gegen eine Senkung des Stimmrechtsalters spricht aus Hausers Sicht nichts: «Durch die Einbindung in die Gesellschaft und politische Entscheidungen ermöglichen wir es Jugendlichen, sich die Entscheidungskompetenz bei komplexen Fragen anzueignen.»

Stimmrechtsalter 16 gabs schon
Das sieht Soziologieprofessorin Marlis Baumann ähnlich. Es braucht ihrer Meinung nach eine ausreichende Vorbereitung und Begleitung, etwa im Rahmen des Schulunterrichts. Doch dann seien 16-Jährige durchaus in der Lage, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen: «Schliesslich müssen sich zwei Drittel eines Jahrgangs bereits im Alter von 15 bei der Wahl einer Berufslehre für einen Karriereweg entscheiden.» Das bedinge, wie Wahlen und Abstimmungen, Entscheidungen abzuwägen und sich zu informieren: «Je nach Bereich wird den 16-Jährigen eine ganz unterschiedliche Reife zugestanden.» Bei der Frage, worin Jugendliche als kompetent gelten, sei die Gesellschaft nicht besonder konsequent.

Für Hans Rudolf Stauffacher, langjähriger Rektor der Kantonsschule Baden, sind die heutigen Jugendlichen nicht reifer als ihre Altersgenossen vor einer oder zwei Generationen. In seiner beruflichen Erfahrung als Lehrer habe sich diesbezüglich seit 1980 wenig verändert. Trotzdem unterstützt Stauffacher die Senkung des Stimmrechtsalters. So revolutionär sei die Idee nämlich gar nicht. «Im 19. Jahrhundert durften männliche 16-Jährige auch an der Landsgemeinde abstimmen», sagt Geschichtslehrer Stauffacher. Trotz weniger Bartwuchs und geringerer Körpergrösse hatten die damaligen 16-Jährigen ihren heutigen Altersgenossen demokratierechtlich also etwas voraus.

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