Der ultimative Kick für viele Ski- und Snowboardfahrer heisst Freeriding: Abseits von präparierten Pisten, durch frisch verschneite Hänge kurven. Gemäss Schätzungen sind mehr als 200 000 Wintersportler so regelmässig unterwegs. Die negativen Folgen: Rund 2000 Menschen werden jährlich von einer Lawine mitgerissen. Allein diesen Winter verloren bereits sieben Wintersportler so ihr Leben. Insgesamt starben in den vergangenen 20 Jahren 260 Tourenfahrer und 130 Freerider in einer Lawine – vor allem die Zahl der tödlich verunfallten Variantenfahrer hat in den letzten drei Jahren zugenommen.

Ueli Mosimann analysiert für den Schweizer Alpen-Club (SAC) die jährlichen Bergnotfälle und stellt dabei fest: «Variantenfahrern fehlt es nicht selten am Bewusstsein für die Gefahren am Berg.» Das widerspiegelt sich in der Unfallstatistik. Viele Unfälle ereigneten sich in sogenannten No-Go-Zonen unweit der Pisten, also in für die Schneesituation zu steilen Hängen. «Mit entsprechender Kenntnis und Vorbereitung wären die Fahrer wohl nicht in einen solchen Hang gefahren.»

Dass sich Freerider auch über Warntafeln und Lawinenwarnleuchten hinwegsetzen, stellt Heinz Walter Mathys fest. Der ehemalige Berner Staatsanwalt und heutige Ehrenpräsident der Schweizerischen Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten (SKUS) sagt: «Vielen Off-Piste-Fahrern fehlt das Risikobewusstsein. Sie sollten erst auf gelb markierten Abfahrtsrouten im Skigebiet üben.»

Motiviert für Abfahrten durch unverspurte Hänge werden die Freerider zunehmend auch von Werbefilmen, die an Talstationen und in Gondelbahnen über die Bildschirme flackern. «Die Seilbahnen dürfen sich deshalb eigentlich nicht wundern, wenn ihre Gäste immer häufiger abseits der Pisten fahren. Mit solchen Videos und Fotos animieren sie die Ski- und Snowboardfahrer regelrecht dazu. Bereits hier sollte auch auf die Gefahren abseits der Piste hingewiesen werden», sagt Mosimann vom SAC.

Ebenfalls zum Freeride-Boom beigetragen hat, dass das Tiefschneefahren mit breiten Ski einfacher geworden ist. An gutem und schützendem Material fehlt es den Variantenfahrern selten. Die meisten tragen ein Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS), haben Schaufel und Sonde bei sich. Und viele setzen auch auf Lawinenairbags.

Doch bei der Anwendung der Ausrüstung hapert es. «Viele vergessen schlicht, das LVS vor einer Abfahrt auf Senden zu schalten und zu testen, ob es funktioniert», sagt Mathys. Er hat etliche Unfälle analysiert und kommt zum Schluss: «Freeriding ist ein Spagat zwischen Freiheit und Sicherheit.» Trotz der aktuellsten Ereignisse in St. Moritz, wo eine von Variantenfahrern ausgelöste Lawine bis auf die Skipiste niederging, ist er überzeugt, dass keine Bussen für fehlbare Freerider bei bloss abstrakter Gefährdung eingeführt und dadurch das Strafgesetzbuch geändert werden müsste.

Anders sieht dies Monique Walter von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). «Die Missachtung eines Verbots oder einer Vorschrift sollte mit einer Busse bestraft werden können, und zwar unabhängig davon, ob für jemand konkrete Gefahr bestanden hat oder nicht», sagt Walter.

In der Schweiz können heute Seilbahnbetreiber die Fahrkarte einziehen oder Wintersportler vom Transport ausschliessen, wenn Skifahrer oder Snowboarder bei Lawinengefahr abseits der Piste fuhren – aber erst, wenn sie damit andere Leute gefährdeten. In Italien ist dies anders. Dort büssen Pistenpolizisten fehlbare Fahrer mit Bussen zwischen 20 und 250 Euro.

Das Bundesamt für Sport (Baspo) meint zu den Bussen: «Es ist Sache der Kantone, ob zusätzlich zur rein privatrechtlichen Möglichkeit des Ticketentzugs auch eine Busse vorgeschrieben wird. Es scheint uns allerdings zweifelhaft, ob solche Verbote mehr Sicherheit bringen würden», sagt Markus Feller, Verantwortlicher Fairness und Sicherheit im Sport im Baspo. Er fügt an: «Effektiv ist die Missachtung einer Lawinengefahr nicht unbedenklich und es erstaunt, wie unbedarft sich gewisse Personen im Gebirge verhalten.»

Seit dem 1. Januar ist die Gesetzgebung über Risikoaktivitäten in Kraft. Dieses regelt jedoch nicht das Verhalten von waghalsigen Variantenfahrern, sondern nur von Bergführern und Skilehrern, die mit Gästen in den Tiefschnee fahren. Das neue Gesetz ist keine Handhabe gegen Freerider, sondern kommt nur zur Anwendung, wenn Personen gewerbsmässig im Gebirge geführt werden. «Möglicherweise ist aber eine Änderung der Rechtsprechung denkbar, wenn die Gerichte das neue Gesetz im Falle eines Fehlverhaltens der Variantenskifahrer heranziehen», sagt Feller.

Im aktuellen Fall in St. Moritz ermittelt zurzeit die Bündner Kantonspolizei. Sie klärt ab, ob die durch Variantenfahrer ausgelöste Lawine strafrechtliche Konsequenzen hat. In Schweden geht man so weit, dass man dieses Verhalten mit betrunkenem Autofahren vergleicht, weil man damit andere Menschen gefährdet.

Solche Fälle dürften in der Zukunft zunehmen: «Die Nachfrage nach Skikursen abseits der Piste steigt seit Jahren», sagt Riet Campell, Direktor vom Skischulverband Swiss Snowsports. Und er ist überzeugt: «Dieses Marktsegment wird immer wichtiger.»

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper