Auf dem Weg zu einem Fussballspiel gehts plötzlich ganz schnell. Krawallmacher attackieren zwei Transportpolizisten der SBB im Fanzug. Die Sicherheitskräfte rufen per Funk nach Verstärkung. Natalie B.* eilt ihren Kollegen sofort zu Hilfe. Sie schafft es schnell, die Störenfriede zu beruhigen. «Die Fans reagierten weniger aggressiv auf mich als auf meine männlichen Kollegen», erzählt die 27-Jährige. Ein Phänomen, das auch die Polizei kennt. «Frauen können auf aggressive Bürger deeskalierend wirken», sagt Heinz Buttauer, Präsident des Verbands Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB). In der Regel gingen Frauen sehr pragmatisch an eine Situation und schafften es oft, die Aggression aus einem Streit zu nehmen.

Natalie B.* patrouilliert seit fast vier Jahren in SBB-Zügen. Aus Sicherheitsgründen will sie anonym bleiben. «Man muss als Frau sicher eine etwas dicke Haut haben», sagt sie, denn man müsse beweisen, die gleiche Qualität der Arbeit verrichten zu können wie ein Mann. Dennoch: «Ich habe es nie bereut, diesen Beruf auszuüben.» Kein Tag sei wie der andere.

In diesem Jahr übertraf der Anteil weiblicher Transportpolizisten bei der SBB erstmals die 20-Prozent-Marke. Er liegt nun bei 23 Prozent – ein Rekord. Von den 260 Mitarbeitenden des Sicherheitsdienstes ist mittlerweile fast jede Vierte eine Frau.

In den Polizeikorps der Kantone ist der Frauenanteil tiefer als bei der Bahn. Im Aargau und in St. Gallen liegt er bei rund 10 Prozent, in Zürich bei 15 und in Bern bei fast 20 Prozent, Tendenz steigend. Und das Interesse ist vielerorts gross: Im Aargau gehen zurzeit «ausgesprochen viele Bewerbungen von Frauen ein», heisst es auf Anfrage.

Die beruhigende Wirkung der Polizistinnen auf heikle Situationen attestieren viele ihrer erfahrenen Kollegen. «Die Hemmschwelle, gegen eine Polizistin gewalttätig zu werden, ist höher als gegen einen Polizisten», sagt Urs Wigger von der Luzerner Polizei. Doch manchmal sei auch das Gegenteil der Fall, besonders in Kulturen, die Frauen nicht als gleichwertig betrachten.

Diese Erfahrung hat auch Natalie B. gemacht, als sie bei einem Mann «aus einem anderen Kulturkreis» eine Kontrolle durchführen wollte. «Er akzeptierte es nicht, dass er von einer Frau kontrolliert wurde, und spuckte mir vor die Füsse», erinnert sie sich. Ihre Kollegen mussten den Mann in die Schranken weisen. Sie konnte die Kontrolle nicht zu Ende führen.

Ohnehin sei die Gewaltbereitschaft und die Intensität der Übergriffe in den letzten Jahren gestiegen, sagt Reto Kormann, Sprecher der SBB. Insbesondere durch den Einsatz von Waffen wie Messer. Aber auch mit Baseballschlägern und Samurai-Schwertern sei schon gepöbelt worden.

Die Sicherheitskräfte der SBB sind deshalb immer zu zweit unterwegs – reine Frauenpatrouillen gibt es nicht. Die Transportpolizisten haben Pfefferspray und einen Schlagstock bei sich. Ab diesem Sommer werden sie auch Schusswaffen tragen. Wann dass genau sein wird, steht aber noch aus.

*Name von der Redaktion geändert

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