Die Religionslandschaft verändert sich. Das zeigt eine Umfrage der «Schweiz am Sonntag» in zwölf Kantonen. Während die evangelisch-reformierte Kirche auch vergangenes Jahr wieder Mitglieder verlor, kann sich die römisch-katholische Kirche in diversen Kantonen über Zuwachs freuen. So beispielsweise in den Kantonen Bern, Freiburg, Thurgau und Zürich.

Ein Grund für die positive Entwicklung sind Zuzüger aus dem südlichen Europa und den direkten Nachbarländern, wie Deutschland. Doch nicht nur. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entscheiden sich wieder für den Katholizismus. Also solche, die bereits einmal Mitglied waren und solche, die konfessionslos aufwuchsen.

> So gab es im Aargau vergangenes Jahr 118 bewusste Ein- und Wiedereintritte. Das sind 43 Prozent mehr als 2012. Die genauen Gründe erfasst die Kirche nicht. «Ich denke aber, man kann von einem Franziskus-Effekt sprechen», sagt Daniel Sommerhalder von der römisch-katholischen Kirche im Aargau.

> In Basel entschieden sich 125 Menschen wieder für die katholische Kirche und in Zürich 139. «Papst Franziskus spielte wohl beim Entscheid mit seiner offenen und spontanen Art der Kommunikation eine Rolle», sagt Aschi Rutz, Sprecher des Synodalrats Zürich. Das sieht auch Karin Brunner von der katholischen Kirche Bern so: Sie habe von mehreren Personen gehört, die aufgrund von Franziskus’ Wahl wieder in die Kirche eingetreten sind.

Die Schweiz, das Land der Reformatoren Calvin und Zwingli, wird katholischer. Und das ebenfalls durch einen Reformer, der durch Bescheidenheit und Menschlichkeit eine Sympathiewelle auslöst. Das stellt auch Daniel Kosch von der römisch-katholischen Zentralkonferenz fest. «Papst Franziskus hat das Klima in der Kirche merklich entspannt.» Er habe hierzulande bewirkt, dass Gläubige sich weniger rechtfertigen müssen – beispielsweise, wenn es darum gehe, in der Kirche zu heiraten oder ein Neugeborenes zu taufen. «Seine gewinnende Art zieht auch Menschen in den Bann, die der Kirche fernstehen, und weckt bei ihnen Interesse.»

Geschickt nutzen einige kantonale Kirchen die Begeisterungswelle. So ist es im Aargau, in Baselland und in Solothurn praktisch per Knopfdruck möglich, wieder der Kirche beizutreten. Extra für Rückkehrende haben die Kirchen dort eine Plattform eingerichtet, von wo aus man ein Beitrittsformular abschicken kann. Bernadette Rickenbacher, Präsidentin des Synodalrats Solothurn, setzt grosse Hoffnung in das neue Angebot. Denn anders als andere Kantone profitiert Solothurn nicht von der Zuwanderung. «Während in Zürich vor allem Deutsche zuziehen, die häufig katholisch sind, wandern bei uns mehrheitlich Menschen aus Nationen ein, die muslimischen Glaubens sind», sagt Rickenbacher.

Da geht es der katholischen Kirche Solothurn ähnlich wie vielen reformierten Landeskirchen. Zwar sind die meisten Einwanderer Christen. Doch die Mehrheit sind Katholiken – rund 40 Prozent. Evangelisch-reformiert sind hingegen lediglich 8 Prozent der Zuwanderer. Dafür sind 25 Prozent konfessionslos, 13 Prozent muslimisch und 14 Prozent gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an.

Die reformierte Kirche profitiert also nur minimal von der Zuwanderung. Die Folgen: Nur gerade zwei der zwölf befragten Landeskirchen hatten Ende 2013 mehr Mitglieder als im Vorjahr. Lediglich Zug und Luzern konnten zulegen. Allerdings nicht wegen ausländischer Zuwanderung, sondern dank inländischer. «Ob die Attraktivität des Wohnkantons Schwyz hilft für diesen Zuwachs, lässt sich nicht genau messen, ist aber vermutlich Teil der Antwort», sagt Heinz Fischer, Präsident der evangelisch-reformierten Kirche Schwyz.

Ebenfalls führen die starke Überalterung sowie die Säkularisierung der Gesellschaft zu einem Mitgliederrückgang. Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes, ist aber überzeugt: Die Kirche könne dieser Gesellschaft etwas bringen. Denn sie könne auch heute noch Sinn stiften. «Kirchliche Feiertage wie Weihnachten und Ostern gliedern das Jahr und das Leben erfrischend anders. Wir alle brauchen Rituale. Das Christentum kann solche Rituale anbieten. Sie sind uralt und gleichzeitig top aktuell.»

Genau hier müssen wohl die beiden Landeskirchen anknüpfen. Noch immer nimmt die Zahl der Austritte in jenen Monaten besonders stark zu, in denen die Steuererklärung ins Haus flattert. Nur wenn die beiden Landeskirchen zeigen, was sie der Bevölkerung geben können, ist wohl ein Exodus zu stoppen. Denn ewig wird auch ein Franziskus-Effekt nicht anhalten.

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