VON CHRISTOF MOSER

Moritz Leuenberger wirkte im Gewimmel der Staatschefs, Umweltminister und Delegierten an der UNO-Klimakonferenz in Kopenhagen wie ein Wohnungsparty-Gast, den keiner kennt. Schüchtern schritt er durch eine der grossen Konferenzhallen, vorbei am riesigen Globus, auf dem die Organisatoren versehentlich Tuvalu vergessen haben – ausgerechnet jenen Inselstaat nördlich von Neuseeland, der tatsächlich bald vom Erdboden verschwinden wird.

Das war am vergangenen Donnerstag. Leuenberger war gerade mit dem SBB-Klimaexpress am UNO-Gipfeltreffen angekommen und Kopenhagen war noch «Hopenhagen» – ein Ort der Hoffnung. Zu diesem Zeitpunkt hatten die über 10 000 Delegierten aus 192 Ländern bereits zehn Tage lang versucht, die Welt zu retten – ohne Erfolg. Jetzt mussten die Minister ran. Hillary Clinton war schon da, der chinesische Premier Wen Jiabao auch, sie lieferten sich bereits via Medienkonferenzen einen heftigen Schlagabtausch. Und unter den Grossen wirken die Kleinen noch viel kleiner – das erging nicht nur dem Schweizer Bundesrat so.

Spätestens nach der Ankunft von US-Präsident Barack Obama am späten Donnerstagabend entwickelte sich die Klimakonferenz zu einem G-8-Gipfel. Die Mächtigen pokerten hinter verschlossenen Türen über die Zukunft der Welt. Unter der Führung von Obama arbeiteten die Staatschefs von China, Indien, Brasilien und der EU in den folgenden 48 Stunden eine Absichtserklärung aus, die besagt, dass man den CO -Ausstoss weiter reduzieren wolle, ohne sich dabei aber auf konkrete Zahlen festzulegen.

Der weitaus grössere Teil der Weltgemeinschaft machte derweil im Plenarsaal seinem Ärger Luft. Und der wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag nur noch grösser, als Obama und Co. abreisten, noch bevor das Plenum der UNO-Klimakonferenz sich mit dem Mini-Kompromiss befassen konnte.

Aus Kopenhagen war damit definitiv ein «Floppenhagen» geworden. Die Konferenz endete gestern Samstag denn auch in einem Desaster. Der sudanesische Botschafter warf dem Westen vor, er betreibe mit dem Klimawandel «etwas Ähnliches wie das, was einmal sechs Millionen Menschen in Europa den Tod gebracht habe» – einen Holocaust also. Der Vertreter aus Tuvalu wies die Geldversprechen der Industrienationen zurück und rief verbittert in den Saal: «Es sieht so aus, als würden uns 30 Silberlinge angeboten, um unser Volk und unsere Zukunft zu verraten.» Was in Kopenhagen ausgearbeitet worden sei, bedeute für sein Volk nur eines: den Tod. Am Schluss stimmten der Absichtserklärung trotzdem alle Staaten zu.

Umweltschützer und Wissenschafter sind allerdings ernüchtert. Das Resultat des UNO-Gipfels sei weit hinter dem zurückgeblieben, was nötig sei, um das Klima zu stabilisieren, sagt Rajendra Pachauri, Chef des UNO-Weltklimarates IPCC. Offenbar hätten die Politiker den Ernst der Lage noch nicht wirklich erkannt.

Verloren hat in Kopenhagen allerdings nicht nur das Klima. Auch die UNO hat sich blamiert und mit dem Mini-Gipfel der Mächtigen am Rande der Konferenz ihre Autorität untergraben. Als UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Ende der Konferenz auf die Bühne kam und eine Lobrede auf den Gipfel hielt («Sie haben Führung bewiesen»), war vielen Delegierten nicht klar, ob er das falsche Rede-Manuskript erwischt oder einen Wahrnehmungsverlust erlitten hatte. Denn in einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Wirklich beschlossen wurde in Kopenhagen nichts.

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