Herr Champagne, Uefa-Chef Michel Platini wirft Ihnen vor, Transparenz zu predigen, aber Ihre Unterstützer zu verschweigen. Jetzt könnten Sie ihn eines Besseren belehren. Welche Verbände stehen hinter Ihrer Kandidatur?
Jérôme Champagne: Das werde ich nicht verraten, nur so viel: Es sind neun Verbände aus drei Kontinenten.

Klingt ganz nach der bekannten Fifa-Methode: Besser auf geheime Absprachen und Arrangements setzen, statt offen zu kommunizieren.
Darum geht es nicht. Die einzelnen Landesverbände geraten unter unheimlichen Druck, wenn sie ihrer Konföderation nicht folgen. Ich muss meine Unterstützer schützen. Was meine Person betrifft, bin ich absolut transparent, ich würde als Präsident auch sofort mein Gehalt offenlegen. Jeder weiss, wofür ich stehe, das kann man in meinem Wahlprogramm nachlesen. Das ist wahre Transparenz.

Es sollte schlicht um Transparenz gehen, nicht um wahre oder falsche.
Das stimmt, aber wir sind in einer Phase, in der die Verbände Angst haben, sich offen zu positionieren. Ich habe kurz vor dem Treffen mit Ihnen mit einem Verband gesprochen, der nicht öffentlich genannt werden will. Egal, ob offizielle Statements oder Zusagen hinter den Kulissen, man muss die Realität akzeptieren: Die Verbände wollen ihre Entscheidung unabhängig treffen, ohne Druck von aussen. Sie folgen nicht blind den Konföderationen.

Die Europäer werden Sie kaum unterstützen. Zuletzt beklagten Sie zu viele europäische Mannschaften an den Weltmeisterschaften. Das kommt hier nicht gut an.
Erstens wollten mir schon 2015 einige Europäer ihre Stimme geben, aber sie hatten Angst vor der Uefa. Zweitens habe ich nie gesagt, ich will weniger europäische Teams an einer WM. Ich bin auch Europäer. Was ich will, ist ein stärkerer Wettbewerb und bessere Chancen für andere Länder. Der afrikanische Kontinent ist unterrepräsentiert. Darüber müssen wir offen debattieren.

Sie gelten nicht als der Kandidat mit den besten Chancen.
Es ist nie gut, als der grosse Favorit zu gelten (schmunzelt).

Warum sind Sie der geeignetste Bewerber?
Meine Leidenschaft für den Fussball habe ich von klein auf. Und ich habe die nötige Erfahrung, nicht zuletzt wegen meiner Vergangenheit als Fifa-Vizegeneralsekretär. Ohne Namen zu nennen: Für mich ist ein Fifa-Präsident keiner, der am Sonntagabend Fussballspiele im TV kommentiert (Platini; Anm. der Red.). Wir brauchen jemanden, der einerseits den Sport, aber auch die globalisierte Welt versteht. Ich war Diplomat, habe in mehreren Ländern gelebt und sehe mich als Bürger der Welt.

Ihre Nähe zur Fifa kann auch ein Nachteil sein.
Das sehe ich anders. Vielmehr weiss ich, was funktioniert und wo Veränderungen dringend nötig sind. Natürlich verstehe ich die Skepsis gegenüber der Fifa. Auch ich wurde herausgedrängt.

Platini soll eine wichtige Rolle bei Ihrer Entlassung gespielt haben. Sind Sie froh, dass er suspendiert wurde?
Ich äussere mich nicht zu meinen Konkurrenten.

Am Ende war es Sepp Blatter, der Sie rausgeworfen hat. Zu ihm scheinen Sie dennoch einen guten Draht zu haben.
Darin sehen Sie, dass ich keinen Groll hege. Wir sind uns alle einig, dass in der Vergangenheit vieles falsch gelaufen ist. Aber ich bin der festen Überzeugung – auch wenn diese Meinung derzeit unpopulär ist –, dass die Geschichte Blatter Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Er hat viel für den Fussball getan. Als er 1975 anfing, war die Fifa eine kleine, eurozentrische Organisation, dominiert von weissen Männern. Es gab keine Entwicklungsprogramme. Ich lebe in Zürich, meine Kinder haben in unmittelbarer Umgebung sechs Fussballfelder, auf denen sie spielen können. Das sind gleich viele wie es damals in der gesamten Demokratischen Republik Kongo mit fast 70 Millionen Menschen der Fall war. Blatter hat das geändert.

Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die USA die Fifa als «Rico» eingestuft hat, eine «vom organisierten Verbrechen und Korruption beeinflusste Organisation», quasi eine Mafia.
Ist Ihnen aufgefallen, dass die US-Justizministerin Loretta Lynch an der ersten Pressekonferenz im Mai von der «Weltmeisterschaft der Korruption» gesprochen hat, aber später in der Schweiz gemeinsam mit Bundesanwalt Lauber lediglich individuelle Verfehlungen erwähnt hat?

Das hat auch mit Diplomatie zu tun.
Nicht in erster Linie. Die USA sehen die Fifa heute als Opfer, nicht als Täter. Die Täter waren Individuen rund und innerhalb des Weltverbandes. Die müssen sich nun verantworten. Wir sind uns alle einig, dass Ermittlungen nötig sind, nicht erst, seit die US-Justiz eingegriffen hat. Ich habe mich schon früher für die Veröffentlichung des Fifa-internen Garcia-Berichts starkgemacht, der die Vergabe der WM 2018 nach Russland und 2022 nach Katar untersucht hat.

War die Vergabe nach Katar ein Fehler? Temperaturen von bis zu 50 Grad sind nicht förderlich für den Sport.
Sie vergessen, dass die Temperaturen bei der WM 1994 in den USA teilweise fast gleich hoch waren. Glauben Sie mir, ich war in L. A. bei einigen Spielen im Stadion. Und die Olympischen Spiele in Peking waren nicht weniger gesundheitsgefährdend.

Sie können nicht ernsthaft behaupten, die Bedingungen in Katar seien die gleichen wie in den USA 1994?
Wenn man die richtigen Anstosszeiten wählt, sind die Unterschiede zwischen Katar und damals in den USA nicht sehr gross. Ich finde es eine tolle Chance, eine WM im arabischen Raum abzuhalten. Und was die Vergabe angeht: Auch für Katar gilt die Unschuldsvermutung.

Anschuldigungen gibt es auch gegen den Deutschen Fussballbund. So soll es eine schwarze Kasse mit 10 Millionen Schweizer Franken gegeben haben, um die WM 2006 zu kaufen. Die Verantwortlichen behaupten, die Fifa habe die 10 Millionen als Vorschuss verlangt. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Ich war damals nicht involviert, aber ich kann Ihnen sagen, ein solcher Vorgang klingt doch sehr unwahrscheinlich. Ich weiss nicht, warum sich der DFB mit einer solchen Argumentation verteidigt.

Zurück zu Ihrem Programm. Sie wollen die wachsende Ungleichheit im Fussball bekämpfen. Wie soll das gehen?
Der Letzte der englischen Liga verdient mehr als die 18 Klubs der holländischen Profiliga zusammen. Das darf nicht sein. Ein anderes Beispiel ist der Final der Champions League. Der Verlierer Juventus Turin erhielt 98 Millionen Euro, Sieger Barcelona lediglich 61 Millionen. Ist das gerecht? Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als das Resultat auf dem Platz entscheidend war, nicht was neben dem Platz ausgehandelt wird.

Wie würde die Umverteilung die Schweizer Liga treffen?
Der FC Basel hat das doch auch schon erlebt. Er schlägt ein englisches Team wie Manchester United, Chelsea oder Liverpool und erhält weniger Geld als die Verlierer. Doch es geht nicht nur um die Champions League. Der FCB war sechsmal am Stück Meister und führt nun wieder die Tabelle an, weil er heute das meiste Geld hat. Sein Budget ist viermal höher als das des nächsten Kontrahenten. Hier müssen wir ansetzen.

In Ihrem Programm fordern Sie auch den Video-Beweis. Ebenfalls eine umstrittene Massnahme.
Die Technologie ist heute eine andere als vor 15 Jahren. Die Fans im Stadion zücken nach einer umstrittenen Entscheidung das Smartphone und wissen, ob der Schiedsrichter richtig lag. Die Einzigen, die es nicht wissen, sind die Unparteiischen. Das darf nicht sein. Ausserdem bin ich für eine Orange Karte. Diese sollte gezückt werden, wenn das Foul zwischen der Gelben und Roten Karte einzustufen ist. Der Spieler müsste dann für einige Minuten aussetzen.

Würde der Fifa-Hauptsitz mit Ihnen als Präsident in Zürich bleiben?
Natürlich, das steht für mich ausser Frage. Die Fifa ist seit 1932 in der Schweiz. Das Land gibt dem Verband unglaublich viel: Vier Sprachen, Religionsfreiheit und die Toleranz ist hoch – egal, ob es um die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung geht. Und hier kann man Kompromisse eingehen, trotz unterschiedlichen Wertvorstellungen. Die Fifa sollte sich an der Schweiz orientieren. Sie ist ein Vorbild.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper