Es ist gar nicht lang her, da zog Fifa-Präsident Sepp Blatter den Unmut von Homosexuellen weltweit auf sich. Noch im Dezember 2010 riet Blatter schwulen Fussballfans, während der Weltmeisterschaft in Katar 2022 auf Sex zu verzichten. Dort ist gleichgeschlechtliche Liebe gesetzlich verboten – und wird brutal verfolgt. Das Strafmass reicht von 90 Peitschenhieben bis zu fünf Jahren Haft. «Das ist die epische, archaische Ignoranz eines Neandertalers», ärgerte sich der schwule Basketball-Star John Amaechi über Blatter.

Heute ist alles anders. Nach dem Outing des ehemaligen deutschen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger geht der Weltfussballverband in die Offensive. «Die Fifa unterstützt Hitzlspergers Entscheidung, seine sexuelle Neigung öffentlich zu machen», sagt Sprecherin Delia Fischer. Leider herrschten im Fussball noch immer Vorurteile. Dagegen kämpfe die Fifa «mit allen Mitteln». Dabei rückt Schwulenfeindlichkeit nun in den Fokus.

Im März wird die vor rund einem Jahr eingesetzte Arbeitsgruppe gegen Rassismus und Diskriminierung neue Strategien besprechen. Ihr Ziel ist die Nulltoleranz gegen jede Form der Diskriminierung, worunter auch die Homophobie fällt. Wie diese Massnahmen genau aussehen werden, ist noch offen. Zuletzt riet das Gremium zu härteren Strafen gegen fehlbare Klubs und Fans. Auch neue Kampagnen sind möglich.

Dass sich die Fifa des Themas annimmt, begrüsst Altbundesrat und Sportminister Adolf Ogi. «Bis zur Weltmeisterschaft im Sommer werden sich noch einige Spieler outen», glaubt er. Darauf müsse sich die Fifa vorbereiten. Gemäss Amnesty International ist die Gewalt gegen Homosexuelle im Gastgeberland Brasilien besonders stark ausgeprägt. Hitzlsperger habe die Türe für andere homosexuelle Sportler weit aufgestossen, sagt Ogi. «Das war mutig.»

Ähnlich äussert sich der Direktor des Bundesamtes für Sport (Baspo), Matthias Remund. Für ihn ist es allerdings «schade, dass die Homosexualität eines Sportlers überhaupt noch ein Thema ist.» Thomas Hitzlsperger habe wie jeder andere auch das Recht, sich zu outen, sagt er.

Der Zeitpunkt für sein Coming-out ist gründlich überlegt, wie Hitzlsperger diese Woche erklärte: «Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle.»

Baspo-Direktor Remund sieht gerade im Sport die Kraft zur Veränderung. Weltweit beachtete Grossanlässe wie die Olympischen Spiele in Sotschi könnten zu einer gewissen Selbstverständlichkeit und Akzeptanz gegenüber der Homosexualität beitragen.

Dafür will auch die Schweizer Schwulenorganisation Pink Cross sorgen. «Wir werden während der Eröffnungsfeier einen Protestmarsch in der Schweiz durchführen», sagt Sprecher Mehdi Künzle. Ohnehin würden sich schon heute öfters homosexuelle Sportler bei ihnen melden. Sie fragen um Rat, wie sie mit der Situation am besten umgehen können. Neben Fussballern melden sich auch Eishockeyspieler – und schwule Schwinger.

Die meisten Verbände hätten mit einem Coming-out kein Problem. «Wir sind offen gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen», sagt der Obmann des Eidgenössischen Schwingerverbandes, Mario John. «Bei uns muss sich niemand verstellen.» Mehdi Künzle von Pink Cross macht den Sportlern deshalb Mut. «Jetzt ist der geeignete Moment, sich zu outen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper