Soweit bekannt, ermittelt das amerikanische Justizministerium im Korruptionsskandal bis jetzt nur gegen einzelne hochrangige Fifa-Funktionäre sowie Vertreter von Sportvermarktern. Doch gemäss Informationen der «Schweiz am Sonntag» ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Department of Justice (DoJ) auch die Fifa als Organisation ins Fadenkreuz nimmt.

Gemäss eines Gewährsmannes, der mit den Vorgängen innerhalb des Weltfussballverbands bestens vertraut ist, herrscht deshalb grosse Verunsicherung auf dem Adlisberg in Zürich, dem Sitz der Organisation. Es geht um viel Geld: Die Fifa hat über die Jahre ein Eigenkapitalpolster von über 2 Milliarden Franken angespart. «Auf diese prall gefüllte Kasse hat es das DoJ abgesehen», sagt der Gewährsmann. «Ich rechne mit einer Busse im Umfang von 1,5 Milliarden Franken.» Die Amerikaner seien auf das Geld aus, das habe man schon bei den Schweizer Banken gesehen.

Die Angst der Fifa vor dem Knüppel der Amerikaner ist begründet. Jeffrey Neiman war selbst während Jahren Bundesstaatsanwalt in der USA und führt heute eine Anwaltskanzel in Florida. Er sagt: «Falls sich die Vorwürfe des DoJ und anderen Strafermittlungsbehörden bewahrheiten und zweifelsfrei erwiesen wird, dass Korruption bis in die obersten Chargen hinein praktiziert oder geduldet wurde, wird die Fifa in den USA angeklagt werden.»

Eine Anklage verhindern könnte die Fifa nur, wenn sie zwei Dinge mache: «Vollumfänglich mit den Strafermittlungsbehörden kooperieren und eine Busse bezahlen.» Damit würde es der Fifa nicht anders ergehen als allen anderen multinationalen Unternehmen, die «tagtäglich riesige Summen bezahlen, um eine Klage abwenden zu können», sagt Anwalt Neiman.

Ins gleiche Horn bläst William Sharp, amerikanischer Anwalt mit Büros in Zürich und den USA. Eine Klage durch die Amerikaner sei «sehr wahrscheinlich», sagt er. Insbesondere dann, wenn es den Verantwortlichen nicht gelingt aufzuzeigen, dass die Fifa nicht primär dem Vereinszweck gedient habe, sich also der Förderung des Fussballs in der Welt gewidmet habe, sondern vor allem zur persönlichen Bereicherung korrupter Funktionäre. Schlechte Karten habe die Fifa laut Sharp, falls die Amerikaner belegen könnten, dass die Schmiergeldzahlungen tatsächlich systematisch erfolgten und die höchsten Organe davon wussten. Laut amerikanischem Recht reiche lediglich die Mitwisserschaft dieser Machenschaften, um in die juristische Mühle zu geraten.

Auch die Schweiz selbst müsse aufpassen, damit sie nicht noch tiefer in den Strudel hineingerät. Der Imageschaden sei beträchtlich. Sollten die Politik und die Ermittlungsbehörden nicht genügend Druck ausüben, muss sich die Schweiz den Vorwurf gefallen lassen, einer mutmasslich kriminellen Organisation Schutz zu bieten.

Sharp zieht einen brisanten Vergleich mit den Schweizer Banken. Obwohl das DoJ und die Steuerbehörde IRS nicht nachweisen konnten, dass die Mitglieder der Geschäftsleitung von den Steuerhinterziehungs-Exzessen gewusst hätten, mussten die Banken Hunderte von Millionen Franken Busse bezahlen. Im Fall der Bank Wegelin wussten die beiden Geschäftsführer Konrad Hummler und Otto Bruderer nicht nur von der Praxis, sie gaben zu, aktiv Beihilfe zur Steuerhinterziehung geleistet zu haben. Die Bank wurde in den USA angeklagt und musste darauf ihre Geschäftstätigkeit einstellen. Nur durch einen Notverkauf nichtverseuchter Vermögenswerte an Raiffeisen konnte ein grosser Teil der Bank gerettet werden.

«Falls die USA die Fifa anklagen, wäre nicht klar, wie die Organisation das überleben würde», sagt Anwalt Neiman. US-Sponsoren müssten sich wohl zurückziehen, und Dollartransaktionen wären nicht mehr möglich. Zumindest der Wegfall der Sponsoren wäre laut Neiman verkraftbar: «Wäre es wirklich so ein grosser Verlust, wenn der McDonald’s-Schriftzug nicht mehr alle drei Minuten auf den Fernsehschirmen aufblinken würde?» Eine Fifa-Pressesprecherin sagt, dass die Fifa vollumfänglich mit den US-Behörden kooperieren würde. Zu einem allfälligen Verfahren und einer Busse äusserte sich die Sprecherin nicht.

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