Mit schwer erziehbaren Teenagern und jungen Erwachsenen lässt sich Geld verdienen. Vor allem mit solchen, die zu ihrem eigenen oder zum Schutz Dritter in einer Institution untergebracht sind. Dieser Fakt wird nun durch den Fall «Carlos»* publik. Die elfköpfige Justizkommission (Juko) des Zürcher Kantonsrats hat mit der Aufarbeitung des Falls begonnen. 21 Fragen zum 29 000 Franken teueren Sondersetting von «Carlos» stellte die Juko der Jugendstaatsanwaltschaft. Der «Schweiz am Sonntag» liegen nun die brisanten Antworten vor.

Mehr als drei Millionen Franken zahlte die Justiz in knapp vier Jahren der Riesen Oggenfuss GmbH für die Betreuung von ein paar Jugendlichen. Neben «Carlos», dem heute 18-jährigen Messerstecher aus Zürich, waren dieses Jahr 14 weitere Jugendliche in der Obhut der Organisation. Dafür überwies die Justiz bis im August 975 200 Franken.

Gegründet haben die Organisation die Heilpädagogin Anna-Lisa Oggenfuss und ihr Partner, der Sozialpädagoge Rolf Riesen. Der Zweck: Dienstleistungen im Zusammenhang mit beruflicher, sozialer und gesundheitlicher Reintegration. Besonderes Ziel bei Jugendlichen: «Anschluss an ein Zurechtfinden im Erwerbsleben erarbeiten.»

2010 übernahm die Organisation erstmals die Betreuung von fünf schwerst erziehbaren Jugendlichen. Einnahme: 175 000 Franken. Ab dann ging es steil bergauf (siehe Grafik). Ein Jahr später wies die Jugendstaatsanwaltschaft der Riesen Oggenfuss bereits 14 Jugendliche zu und zahlte dafür 847 000 Franken.

Den Höchststand erreichte die Firma mit ihren Sonder-Settings 2012. Für 18 Jugendliche überwies die Jugendstaatsanwaltschaft knapp 1,2 Millionen Franken. Dieser Betrag setzt sich aus 880 000 Franken Personalkosten, 196 000 Franken Schulkosten sowie 110 000 Franken Miete zusammen.

Auf der nicht mehr aktiven Homepage der Organisation war zu sehen, dass die Jugendlichen von fünf Sozialarbeitern inklusive der beiden Inhaber betreut wurden. Auf der Lohnliste waren zudem noch ein Hauswart und eine Person in der Administration. Ob bei so wenigen Mitarbeitern die Betreuungsqualität gewährleistet war, wird von einer ehemaligen Mitarbeiterin angezweifelt: In den Sondersettings sei mehr auf Verwöhnung, statt auf Erziehung gesetzt worden.

Hauptauftraggeber war «Carlos»-Jugendanwalt Hansueli Gürber. Rolf Riesen sagte in der NZZ: «Im Herbst 2010 bat uns Gürber, ziemlich verzweifelt, erstmals um Hilfe für ‹Carlos› (…) Uns werden meist sehr schwierige Fälle zugeteilt. In diesem Bereich besteht ein grosser Bedarf.»

Ende August waren 130 Jugendliche in einer der 24 für stationäre Schutzmassnahmen geeigneten Einrichtungen im Kanton Zürich untergebracht. Die durchschnittlichen Kosten beliefen sich auf 13 560 Franken pro Teenager und Monat. Am meisten Jugendliche hatten das Gefängnis Limmattal, die Pestalozzi Jugendstätte Burghof sowie die Firma Riesen Oggenfuss aufgenommen. Allerdings verfügt die Organisation über keine Bewilligung gemäss Jugendheimgesetz. Weil eine solche nicht zwingend ist, hat sich die Organisation erneut um die Betreuung von «Carlos» bemüht. «Nach zähen Verhandlungen», wie «Carlos’» Anwalt mitteilt, boten sie ein neues Sondersetting für «nur» noch 19 000 Franken pro Monat an. Vergeblich. Die Justiz überwies «Carlos» diese Woche ins Massnahmenzentrum Uitikon.

Die Integrationsorganisation Riesen Oggenfuss wollte zu ihren Mandaten keine Stellung nehmen. Aktuell gibt es wohl noch eine Handvoll Betreuungsverhältnisse zwischen ihr und der Jugendanwaltschaft. Doch die umtriebigen Sozialarbeiter Riesen und Oggenfuss haben ein weiteres Standbein. Sie arbeiten als Case Manager und helfen Menschen beispielsweise nach einem Burnout auf dem Weg zurück in die Arbeitswelt.

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