Von Claudia Weiss und Fabienne Riklin

Die Nachricht schlug weltweit Wellen: In Berlin haben die Masern ein Todesopfer gefordert, ein anderthalbjähriger Bub starb an den Folgen der hoch ansteckenden Infektionskrankheit. Dabei hätte er nicht sterben müssen. Das steht für Christoph Berger, Infektiologe am Kinderspital der Universität Zürich, fest: «Wäre der Junge geimpft gewesen, wäre er gar nicht erkrankt», sagt er. Mehr noch: «Wäre seine Umgebung genügend durchgeimpft gewesen, wäre es in Berlin überhaupt nicht zu dieser Häufung von Erkrankungen gekommen.»

Der Junge wurde nämlich im Lauf einer Epidemie angesteckt, die in Berlin in den letzten Wochen schon fast 600 Menschen erfasst hat – laut Behörden der schlimmste Ausbruch der Krankheit seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001. Mehr als ein Viertel der Erkrankten mussten im Spital behandelt werden.

Grund für den Ausbruch: In Berlin wohnen viele impfkritische Eltern, wie Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz sagte: «Eine Impffeindlichkeit ist überwiegend in gut gebildeten Bevölkerungskreisen zu finden.» Ungeimpfte Kinder hätten in der Regel Eltern, die sich bewusst gegen eine Impfung entschieden hätten.

Eine heikle Haltung. Erst, wenn sich 95 Prozent der Bevölkerung mit einer doppelten Impfration gegen Masern schützen, kann die Krankheit eliminiert werden. Dann sind auch jene fünf Prozent geschützt, die sich selber nicht impfen lassen können, weil sie chronisch krank oder zu jung sind. «Herdenschutz» heisst das in der Fachsprache. In Europa sollte dieser Schutz gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO bis 2015 erreicht sein.

Auch das Bundesamt für Gesundheit BAG hat sich dazu verpflichtet und eine «nationale Strategie zur Masernelimination» erarbeitet. Realistisch ist das Ziel «Durchimpfen» wohl weder in der Schweiz noch in Deutschland. Immerhin: In der Schweiz hat die Strategie einiges bewirkt. 2012 waren 89 Prozent aller Zweijährigen zweimal geimpft und 92 Prozent aller Drei- bis Achtjährigen.

Die tiefste Rate weisen die Kantone Nidwalden, (73 Prozent), Graubünden (78 Prozent) sowie Schwyz und Uri auf mit je 79 Prozent bei den Kleinkindern. «Meiner Erfahrung nach sind aber 80 bis 90 Prozent aller Eltern völlig einverstanden damit, ihre Kinder zu impfen», sagt Infektiologe Christoph Berger, der als Vertreter der Kinderärzte an der Ausarbeitung der Strategie beteiligt ist. Es gehe darum, diese Eltern noch ein bisschen genauer zu informieren, wie wichtig die rechtzeitige erste Impfung und wie wichtig die zweite Impfdosis für einen vollständigen Schutz sind. Völlig ablehnend hingegen seien nur wenige Eltern.

Einen Impfzwang, wie ihn deutsche Politiker in den letzten Tagen zu fordern begannen, hält Berger deshalb bei uns für unnötig, für wahrscheinlich sogar kontraproduktiv: «Wir setzen lieber auf gute Information.» Daher veröffentlicht das Bundesamt für Gesundheit BAG klare Impfempfehlungen. Für Masern lautet sie: die erste Dosis mit 12 Monaten, die zweite Dosis mit 15 bis 24 Monaten, frühestens einen Monat nach der ersten Dosis. Mit der zweiten Dosis sind die Kinder vollständig immunisiert. Oder wie Berger sagt: «Wenn alle durchweg zweimal geimpft wären, hätten wir keine Masern.» Andernfalls könne es auch bei uns jederzeit wieder zu einer Epidemie kommen wie zwischen 2006 und 2009, als über 4400 Fälle gemeldet wurden. Rund 400 von ihnen hatten mit medizinischen Komplikationen zu kämpfen, 341 mussten ins Spital eingeliefert werden.

Gerade dieser Tage erlebten die USA eine kleine Epidemie: Über 150 Fälle wurden in und rund um Kalifornien gemeldet – und das, nachdem die USA die Masern im Jahr 2000 für ausgerottet erklärt hatten. Der Grund: In Kalifornien haben sich laut NBC News wohlhabende, gut gebildete Eltern zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die ihre Kinder bewusst nicht mehr impfen lassen. Sie zweifeln an der Sicherheit des Impfstoffs und den Beweggründen der Regierung für Impfempfehlungen.

In einer solchen Gegend genügt ein Reisender, der die Krankheit aus einem anderen Land einschleppt. Masern ist so hoch ansteckend, dass eine erkrankte Person locker etliche Menschen sozusagen im Vorbeigehen infizieren kann: Mindestens neun von zehn nicht Geimpften werden erkranken. Die amerikanischen Gesundheitsbehörden vermuten, dass ein erkrankter Besucher das Virus ins Disneyland einschleppte, es sich dort eilig unter den Besuchern ausbreitete und dann in die umliegenden Bundesstaaten getragen wurde.

Wer nach einer Ansteckung mit Fieber, Kopfschmerzen und Ausschlag davonkommt, hat Glück gehabt. Gravierender sind Komplikationen wie Entzündungen von Mittelohr, Lunge oder Gehirn, im schlimmsten Fall eine seltene, besonders gefährliche Hirnentzündung, die unweigerlich zum Tod führt.

Angesichts solcher Gefahren scheint es erstaunlich, dass sich die Impfängste derart viel hartnäckiger halten als die Angst vor der Krankheit an sich. Eltern befürchten unter anderem, die Immunsysteme ihrer Kinder würden durch Impfstoffe überlastet. Die Experten am Robert-Koch-Institut in Berlin entgegnen: «Bis zu sechs Impfstoffe lassen sich heute zu einem einzigen Impfstoff kombinieren.» Dadurch habe zwar die Zahl an Impfungen zugenommen, aber die Zahl der übertragenen Fremdmoleküle, der Antigene, sei deutlich geringer geworden.

Das Immunsystem der Kinder könne damit gut umgehen. Und am Ende, sagt Christoph Berger, sei der Immunisierungseffekt nach einer Impfung ebenso ausreichend wie nach einer durchgemachten Krankheit – allerdings ohne das mit ihr verbundene Risiko.

Auch die Angst, dass die Impfung einen vollen Masernschub auslösen könne, ist gemäss Experten unberechtigt. «Klar, es handelt sich um einen Lebendimpfstoff», räumt der Infektiologe ein. Leichte Impfreaktionen wie Ausschlag und Fieber seien daher nicht ungewöhnlich. «Nur in extrem seltenen Fällen sind tatsächlich schwere Impfreaktionen möglich – aber diese sind mindestens tausendmal weniger wahrscheinlich und weniger schwer als die Komplikationen bei einer Masernerkrankung.»

Impfrisiko hin oder her, der Tod des kleinen Jungen in Berlin zeigt traurig, aber deutlich: Masern sind nicht harmlos. Eines bis drei von 1000 erkrankten Kindern sterben daran. 2013 waren es weltweit 145 000 Menschen – fast alles Kinder unter fünf Jahren.

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