Der Türsteher eines Zürcher Clubs erzählt, wie es früher war. Er meint nicht eine ferne Vergangenheit, sondern die Jahre 2011 und 2012. Damals ereigneten sich mehrere Schlägereien pro Woche. Vor dem Partylokal fuhren ständig Polizei und Sanität vor. Das hat sich geändert. Die damals 16- bis 18-Jährigen wurden erwachsen. «Die neue Jugend macht kaum mehr Ärger», sagt der Sicherheitsmann. Seine Messgrösse ist sein Pfefferspray-Verbrauch. Der Spray hat austauschbare Kartuschen. Früher versprühte er eine Portion in vier Monaten. Seinen heutigen Spray habe er zuletzt vor zwei Jahren nachgefüllt.

Die persönliche Pfefferspray-Bilanz korreliert mit den Zahlen des Bundesamts für Statistik. Im Jahr 2010 registrierte es die Trendwende. Im Zeitraum davor stieg die Zahl der Verurteilungen von Jugendlichen wegen Verletzungen des Strafgesetzes von Jahr zu Jahr an; bis zum Höhepunkt mit über 10 000 Jugendurteilen. Seither sinken die Zahlen. Aktuell befinden sie sich auf dem tiefsten Niveau seit Beginn der Statistik im Jahr 1999.

Die Jugend hat sich verändert
Der Rückgang gilt für alle Delikte. Die Gerichte verzeichnen bei Jugendlichen weniger Diebstähle, weniger Sachbeschädigungen, weniger Tätlichkeiten und weniger Körperverletzungen. Auch die Kriminalität der Erwachsenen ist rückläufig, aber weniger ausgeprägt. Ein Abgleich mit anderen Statistiken zeigt, dass sich nicht etwa die Strafverfolgungspraxis geändert hat, sondern die Jugend.

Marcel Riesen-Kupper, Leitender Oberjugendanwalt des Kantons Zürich und Präsident der Schweizer Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege, versucht, die Trendwende zu erklären. «Ein wichtiger Grund für die Abnahme der Jugendgewalt dürfte im veränderten Freizeitverhalten der Jugendlichen liegen», sagt er. Die meisten Delikte würden Jugendliche abends und nachts an öffentlichen Orten begehen.

Studien zeigen nun, dass sich Jugendliche zu diesen Zeiten weniger im öffentlichen Raum bewegen als noch vor ein paar Jahren. Sie bleiben vermehrt zu Hause und tauschen sich über soziale Medien wie Facebook oder Snapchat aus. Auch Konflikte werden online ausgetragen statt auf dem Dorfplatz oder in der Partymeile.

In den Nullerjahren hatte Riesen vor allem kriegstraumatisierte Jugendliche aus dem Balkan auf der Anklagebank. Sie erreichten um 2010 das Erwachsenenalter. «Viele wurden erfolgreich integriert», sagt er. Präventionsprogramme hätten Wirkung gezeigt. Das Bewusstsein vieler Jugendlicher habe sich verändert. Es sei heute weniger cool als vor zehn Jahren, jemanden auszunehmen. Heute würden viele Jugendliche nicht ihre Chancen mit Straftaten gefährden wollen. Riesen sagt: «Die heutige Generation von Jugendlichen ist angepasster und leistungsorientierter als frühere.»

Ein soziologisches Wunder
Dass es bei der Jugendkriminalität je zu einer Trendwende kommen würde, bestritt Kriminologe Martin Killias noch vor vier Jahren. In einer Studie schrieb er: «Es wäre ein soziologisches Wunder, wenn die Revolution der Freizeit nicht zu ansteigenden Kriminalitätsraten führen würde.» Mit der Revolution meinte er den Boom des Nachtlebens. In den 1990er-Jahren hätten in Zürich nur wenige Pubs bis zwei Uhr nachts geöffnet gehabt. Inzwischen böten über 600 Lokale die ganze Nacht Unterhaltung. Gleichzeitig wurde der öffentliche Verkehr ausgebaut. In den 90ern verkehrte der letzte Zug, das letzte Tram oder der letzte Bus in den meisten Städten vor Mitternacht. Heute gilt der Stundentakt an Wochenenden rund um die Uhr. Das habe zu «nächtlichen Völkerwanderungen von der Provinz in die Städte» geführt, sagt Killias. Mit den Partytouristen erreichte die Jugendgewalt ihren Höhepunkt. Der Strafrechtsprofessor konnte den Anstieg erklären, doch den langfristigen Trend schätzte er falsch ein. Heute konstatiert er: «Die Städte haben an Anziehungskraft verloren.»

Das «soziologische Wunder» ist vor Zürcher Klubtüren spürbar. Doch in der allgemeinen Wahrnehmung ist es nicht angekommen, wie eine deutsche Studie zeigt. In Deutschland hat die Jugendkriminalität in vergleichbarem Umfang abgenommen. Doch 91 Prozent der Bevölkerung glauben, die Jugendkriminalität habe zugenommen.

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