Menschen mit einer leichten Demenz wissen oft nicht mehr, was gestern passiert ist, welcher Tag heute ist und seit wann sie mit der Diagnose leben. Aber sie können noch zu Hause wohnen, einkaufen und abschätzen, ob sie ihr Leben beenden wollen. Bei einer Demenz im mittleren Stadium entgleitet ihnen diese Urteilsfähigkeit. Dann ist Sterbehilfe nicht mehr erlaubt.

Für einen assistierten Suizid muss ein Arzt bescheinigen, dass eine Person urteilsfähig ist. Damit entscheidet er über Leben und Tod. Sterbeorganisationen haben grosse Mühe, Ärzte zu finden, die diese heiklen Gutachten ausstellen. Die meisten Spitäler untersagen ihren Mitarbeitern sogar, die Urteilsfähigkeit für einen assistierten Suizid abzuklären.

In Basel eskalierte die Situation. Das Felix-Platter-Spital, eines der grössten Zentren für Altersmedizin, stoppte vor einem Jahr seine Abklärungen für Sterbewillige. Die Geschäftsleitung erliess diese Weisung, nachdem eine Ärztin – geplagt von Gewissensbissen – ein schlafloses Wochenende verbracht hatte. Sie hatte ein positives Attest ausgestellt und damit einen Patienten in den Tod geschickt. Sterbeorganisationen drohten darauf, mit einer Klage gegen den Kurswechsel vorzugehen.

Nun haben die Parteien eine Lösung gefunden, die schweizweite Folgen haben könnte. Das Spital engagiert sich neu dafür, dass Hausärzte die umstrittene Aufgabe übernehmen. Die universitäre Altersmedizin organisiert gemeinsam mit Exit Weiterbildungen, in denen Ärzte mit eigener Praxis für die Urteilsabklärungen geschult werden. Es handelt sich um das erste derartige Bildungsangebot in der Schweiz. Es soll im Herbst starten und bis zu 50 Ärzte pro Veranstaltung erreichen. Sie lernen nicht nur, abzuklären, ob ein Patient urteilsfähig ist für einen Freitod, sondern auch, ob er noch in der Lage ist, ein Testament oder einen Vorsorgeauftrag zu schreiben.

Suizidhilfe im Studium?
Exit-Vorstandsmitglied Marion Schafroth sagt: «Wir lancieren die Weiterbildungen in der Nordwestschweiz. Sie haben aber das Potenzial, sich schweizweit zu etablieren.» Die Weiterbildungen sind für die Sterbeorganisationen ein kleiner Schritt zu einem grossen Ziel. Schafroth erklärt: «Unsere Vision ist, dass Grundwissen über Suizidhilfe ein integraler Bestandteil der Medizinerausbildung wird.» Zuerst müsse dafür aber ein Umdenken in der Ärzteschaft und in den Spitälern stattfinden.

Mit den Exit-Weiterbildungen sollen Hausärzte zusätzliche Kompetenzen erhalten. Bei einfachen Fällen dürfen Hausärzte bereits heute über die Urteilsfähigkeit entscheiden. Es genügt, wenn eine unabhängige Drittperson, die kein Arzt sein muss, eine Bestätigung abgibt. Bei Personen mit beginnender Demenz sollte gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts jedoch ein Spezialist beigezogen werden: ein Psychiater, ein Geriater oder ein Neurologe. Künftig wäre dies gemäss Exit für geschulte Hausärzte nicht mehr nötig.

Jacqueline Minder, Chefärztin der Winterthurer Alterspsychiatrie, begrüsst zwar die Weiterbildungen, bezweifelt aber, dass ein Hausarzt bei einer beginnenden Demenz den Entscheid künftig allein fällen kann. Sie befürchtet, dass versteckte psychische Krankheiten übersehen werden könnten. So werde in manchen Fällen ein Suizidwunsch als freier Wille gedeutet, obwohl es sich eigentlich um das Symptom einer Depression handle. Um derartige Unterschiede zu erkennen, absolviere ein Alterspsychiater eine mehrjährige Spezialausbildung, betont sie. Die Exit-Ausbildungen dauern hingegen nur etwa einen halben Tag.

Hausärzte begrüssen die Exit-Kurse
Philippe Luchsinger, Präsident des Hausärzteverbands, befürwortet das neue Exit-Angebot: «Wir Hausärzte arbeiten in diesem Bereich immer in einer Unsicherheitszone. Deshalb ist es sinnvoll, dass interessierte Ärzte ihre Kompetenzen verbessern können.» Konflikte wie in Genf liessen sich damit vermeiden. Dort wollte ein Mann den Exit-Tod seines Bruders gerichtlich verhindern, weil dessen Urteilsfähigkeit nicht seriös abgeklärt worden sei. Darauf nahm er sich selbst das Leben.

Das Ziel von Exit, dass Suizidhilfe Teil der Medizinerausbildung wird, teilt der Hausärzte-Präsident allerdings nicht: «Es würde in meinen Augen zu weit gehen, wenn alle Ärzte entsprechend ausgebildet würden.» Es genüge, sich auf jene zu beschränken, die einen besonderen Zugang zum Thema hätten.

Die Mehrheit der Ärzte ist gemäss einer Umfrage der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften nicht bereit, Suizidhilfe zu leisten. Ein Arzt sagte in der Studie, dass eine suizidwillige Person prinzipiell nicht als urteilsfähig eingestuft werden könne. Es sei gar nicht möglich, die Folgen eines Freitods abzuschätzen. Denn niemand wisse, wie es sei, tot zu sein.

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