VON SANDRO BROTZ

In Schwetzingen im Bundesland Baden-Württemberg hätten sie es lieber, wenn über ihr Schloss oder über die Festspiele berichtet würde. Doch in der Stadt mit den 23000 Einwohnern steht eine Bürgerin im Mittelpunkt des Medieninteresses. Ihr Name lautet je nach Zeitung oder TV-Sender: Sabine, Simone, Sandra, Silvia, Petra oder Tatjana.

Sie wird nicht dabei sein, wenn am Montag um 9 Uhr in Mannheim – 15 Kilometer von Schwetzingen entfernt – der Prozess gegen ihren Ex-Freund Jörg Kachelmann beginnt. Der Auftritt der Hauptbelastungszeugin ist frühestens für den 9. Prozesstagam 13. Oktober vorgesehen. Dann wird sie vom Vorsitzenden der 5. Grossen Strafkammer am Mannheimer Landgericht, Richter Michael Seidling, zunächst zur Person befragt.

Dabei wird klar werden, was in Schwetzingen längst kein Geheimnis mehr ist: Die 37-jährige Journalistin arbeitet wieder stunden- und tageweise bei einem Spartensender. «Sie wirkt im Hintergrund und gestaltet Beiträge, beispielsweise über Hip-Hop und House-Music», sagt ein Radio-Insider. Ihr Chef und Programmleiter sagt gegenüber dem «Sonntag» lediglich: «Was ich meiner Kollegin für den Prozess wünsche, werde ich keinem Pressekollegen sagen, sondern allenfalls meiner Kollegin selbst.»

Ein Interview brachte die Radiofrau 1998 mit dem TV-Meteorologen zusammen. Die Beziehung endete in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010. Was in den nächtlichen Stunden in der Dachwohnung in Schwetzingen geschah, sollen bis zum 27. Oktober vor Gericht 25 Zeugen – darunter neun ehemalige Freundinnen Kachelmanns – und fünf Sachverständige klären.

«Es wird um die Frage gehen: Wahrheit oder Lüge?», sagt «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Sie schliesst nicht aus, dass Autosuggestion vorliegt: «Also Einbildung, an die die Betreffende am Ende glaubt, als wäre es die Wahrheit.»

Doch die Radiofrau will keine Lügnerin sein. Wie der «Sonntag» aus zuverlässiger Quelle weiss, führt sie mit ihrem Anwalt Thomas Franz intensive Gespräche über eine entscheidende Frage: Soll die Öffentlichkeit bei ihrer Aussage ausgeschlossen werden? Was ihr Anwalt, der bei der Opferhilfeorganisation Weisser Ring engagiert ist, eindringlich rät, stellt seine Klientin überraschend infrage.

«Sie will beweisen, dass sie die Wahrheit sagt, und öffentlich zeigen, dass sie nichts zu verbergen hat», so ein Freund der Familie in Schwetzingen zum «Sonntag». Laut Christian Hirsch, Richter und stellvertretender Pressereferent am Landgericht Mannheim, werde der Ausschluss der Öffentlichkeit «mit Sicherheit im Rahmen des Prozesses ernsthaft geprüft».

In Schwetzingen trauen insbesondere viele Frauen Kachelmanns Ex-Geliebter zu, die Tat aus Rache konstruiert zu haben. Doch wer mit Leuten im Umfeld der Familie spricht, bekommt zu hören, wie schwer der Radiofrau der Schritt zur Anzeige gegen den Star-Moderator gefallen ist. Als Medienprofi habe sie erahnt, was auf sie zukommen werde, «aber mit dem Wissen von heute würde sie es nicht mehr tun», so der Tenor.

Nach einem längeren Aufenthalt in einer Klinik kehrt das mutmassliche Vergewaltigungsopfer nur langsam ins Leben zurück, wie Hans Leyendecker in der «Süddeutschen Zeitung» schrieb. Er hatte Einsicht in die Akten. Sie könne «ihren Körper nicht mehr im Spiegel ansehen, sie ekele sich vor sich selbst».
Der neuerliche Schritt in die Radiowelt, die sie so liebt, hat diesen Weg erleichtert. Ob sie als Opfer aus dem Prozess des Jahres geht, wird ab Montag in Mannheim entschieden.

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