Es ist ein Stuhl, der gar nicht da ist. Trotzdem erscheint er auf fast magische Weise, wenn man ihn braucht. «Stuhlloser Stuhl» heisst die Erfindung aus Metallstangen, die um die Beine getragen wird. Man kann damit laufen, sogar rennen. Doch dann – ein Knopfdruck genügt – fixiert sich das Gebilde. Der Träger kann sich setzen. Wie auf einen Stuhl, der jetzt da ist.

Zurzeit testet Autohersteller Audi die Erfindung der Schweizer Firma Noonee. Läuft die Probephase gut, könnte der stuhllose Stuhl demnächst den Markt erobern. Noonee ist nur eines der Spin-off-Unternehmen, die dank ETH-Technologie im vergangenen Jahr gegründet wurden. 2014 war ein Rekordjahr für Ableger der beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen. Das geht aus dem diese Woche veröffentlichten Geschäftsbericht des ETH-Rats hervor. Nie wurden mehr Patente (211) angemeldet, nie wurden mehr Lizenzen (270) auf Erfindungen verkauft, und nie gab es mehr Spin-offs in der Wirtschaft (49). Die Zahlen haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Auch die Ableger der Universitäten Zürich, Bern, Basel und St. Gallen haben zugelegt.

«Was die Anzahl Spin-offs betrifft, spielt die ETH Zürich im internationalen Vergleich in der obersten Liga mit», sagt Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich. Davon profitieren sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft, ist er überzeugt. Laut einer Umfrage haben rund 120 ETH-Spin-offs seit ihrer Gründung 2500 Jobs geschaffen, die meisten davon in der Schweiz.

In der Regel gründen ehemalige Doktoranden oder Studenten die neuen Unternehmen, meistens mit Erfolg. 9 von 10 Spin-offs überleben die Gründungsphase und sind nach fünf Jahren noch im Geschäft. Internationale Konzerne reissen sich um die Ableger – und stecken Millionen in die Ideen. Im vergangenen Jahr wurden allein sechs Spin-offs der ETH Zürich für umgerechnet über 500 Millionen Franken aufgekauft. Auch die Hochschulen profitieren davon, entweder über Beteiligungen an den Spin-off-Firmen oder durch Lizenzeinnahmen.

Sorgen, dass sich die Nähe zur Wirtschaft negativ auf die Hochschule auswirken kann, hat Guzzella nicht. Sie hätten den gesetzlichen Auftrag, die Erkenntnisse aus der Forschung zu verwerten. «In der gut 20-jährigen Geschichte der Spin-off Förderung gab es keinen einzigen Fall, der die Reputation der ETH Zürich infrage gestellt hätte», sagt er.

Rekordzahlen vermeldet auch die ETH Lausanne (EPFL). Die Investitionen in EPFL-Start-ups waren 2014 mit über 185 Millionen Franken so hoch wie nie. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Für Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, liegt das an einem Kulturwandel unter den Wissenschaftern. Die jungen Forscher verfolgten heute andere Karriereziele als früher, sagt er. «Sie wollen ihr Glück selber versuchen.» Das sei für viele aufregender, als für irgendeine Firma zu arbeiten. «Ich sehe doch das Feuer in ihren Augen», sagt Aebischer.

Ob sie erfolgreich seien oder nicht, spiele keine Rolle. «Wenn es nicht klappt, läuft es eben beim zweiten Mal bestimmt besser.» Diese typisch amerikanische Denkweise setzt sich derzeit in Lausanne durch. Oft werden die Ideen vergoldet: Im Dezember kaufte US-Riese Intel den EPFL-Spin-off Composyt Light Labs. Die Forscher tüfteln an den Brillengläsern der Zukunft. Ein Mini-Computer an den Bügeln sendet Informationen ins Sichtfeld.

Die Erfindungskraft der Hochschulen dürfte künftig weiter zulegen. Unter Federführung des Bundes soll in Dübendorf ein Innovationspark entstehen, ein Schweizer Silicon Valley, das auf neue Ideen und Entdeckungen setzt – und weitere Patente und Spin-offs garantiert.

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