Frau Botschafterin, hat es Sie überrascht, dass im März drei Iraker und potenzielle Dschihadisten in der Schweiz verhaftet wurden?
Suzi LeVine: Man muss sehen, dass es auf der ganzen Welt rund 14000 ausländische IS-Kämpfer gibt. Insofern ist es statistisch gesehen wahrscheinlich, dass sie auch in der Schweiz vertreten sind. In gewisser Hinsicht ist es eine gute Sache, dass die Gefahr nun auch in der Schweiz sichtbar ist und dadurch das Bewusstsein dafür gewachsen ist. Inzwischen ist ja die Rede von 30 bis 40 Personen, die als potenzielle Gefahr erkannt wurden.

Kam der Tipp an die Schweizer Behörden von den USA?
Die Sicherheitsbehörden unserer beiden Länder haben Abkommen miteinander und arbeiten zusammen. Darüber, wie diese Kooperation genau aussieht, kann ich aber nicht sprechen.

Wird sie in Zukunft wichtiger?
Es geht vor allem um die globale Zusammenarbeit. Präsident Obama hat viele Länder als Partner zusammengebracht, für militärische aber auch für humanitäre Interventionen. Solche Koalitionen werden wichtiger im Kampf gegen staatenlose, terroristische Gebilde wie IS.

Weil nun alles von IS spricht, gerät die Kritik an den Überwachungsmethoden der USA in den Hintergrund…
Am 17. Januar hat Präsident Obama in einer Rede betont, dass die USA keine normale Bürger ausspionieren, die keine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen. Er begrüsst aber die Debatte über Privatsphäre und Sicherheit. Die Frage ist, wie wir Terroristen und ihren Plänen auf Spur kommen können, gleichzeitig aber das Recht der Bürger auf ihre Privatsphäre berücksichtigen können. Ich glaube, diese Debatte muss auch in der Schweiz geführt werden.

Das ist ein sehr schmaler Grat.
Stimmt, es ist ein schwieriger Balanceakt. Aber ich hoffe, dass sich die Leute ernsthaft mit dieser Debatte auseinandersetzen, anstatt sie von vornherein von sich zu weisen. Diese Debatte muss vorurteilslos geführt werden.

Verschiebt sich die Balance angesichts der terroristischen Gefahr?
Ich glaube nicht, denn wir müssen Beides in gleichem Masse erreichen: Sicherheit und Freiheit. Nach 9/11 wurden in den USA das Überwachungsgesetz Patriot Act verabschiedet und die sogenannten FISA-Gerichte installiert. Die Schweiz befindet sich aus meiner Sicht erst noch am Anfang dieser notwendigen Debatte, welche Massnahmen es braucht im Kampf gegen terroristische Gefahren und die Sicherstellung der Privatsphäre. Aber man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre haben.

Sollte die Schweiz IS verbieten?
Das müssen die Schweizer entscheiden. Wir begrüssen das Engagement der Schweiz im humanitären Bereich, ihre Hilfe für Menschen, die von der IS geflüchtet sind und ihr Zuhause aufgeben mussten. Die Schweiz folgt damit Präsident Obamas Bemühungen, alle Länder zu überzeugen, in irgendeiner Form aktiv zu werden.

Die Bevölkerung in den USA galt zuletzt als kriegsmüde. Neue Umfragen zeigen aber, dass die aktuelle Kampagne gegen IS gutgeheissen wird. Weshalb?
Die Leute wollen noch immer keinen Krieg. Aber sie merken, dass die Gefahr sehr real ist. Gleichzeitig ist es für die bewaffnete irakische Armee eine Möglichkeit, zusammenzustehen und ihr Land zu verteidigen. Die USA und andere Länder wie Grossbritannien helfen ihr dabei.

Trotzdem fühlt es sich wie ein Déjà-vu an. Der letzte Irakkrieg ist noch nicht lange her. Was, wenn die USA wieder in einen langen Konflikt verwickelt werden?
Ich verstehe die Bedenken, aber die heutige Realität ist anders als damals. Präsident Obama fokussiert die amerikanische Intervention auf Luftangriffe und die Unterstützung der irakischen Streitkräfte. Wir möchten nicht in weitere Konflikte hineingezogen werden. Die USA sind nicht die irakische Armee.

Der politische und militärische Kurs der Koalition im Kampf gegen IS wird von den USA bestimmt. Sind die USA ihrer Rolle als Weltpolizei nicht müde?
Egal ob es um IS, Ebola oder die Unruhen in der Ukraine geht, die USA nehmen stets eine Führungsrolle ein. Wenn andere nicht aktiv werden, dann tun wir es. Das macht unsere Nation aus. Als Amerikanerin des 21. Jahrhunderts sehe ich, dass Landesgrenzen keine Schranken mehr sind, sei es gesellschaftlich, humanitär oder wirtschaftlich. Jedes Leben ist gleich viel wert. Wir müssen die Menschen dort und unsere Werte beschützen, aber auch die Werte anderer Nationen respektieren.

Während George W. Bushs Präsidentschaft machte sich in Europa Antiamerikanismus breit. Unter Präsident Obama wurden die USA wieder propulär. Droht ein Rückfall in diese Zeiten, wenn sich der Krieg gegen IS in die Länge zieht?
Ich glaube nicht, dass sich die Stimmung gross verändert hat in den letzten Jahren. Ich spüre, dass die Schweizer die USA schätzen und lieben, sei es die Musik, das Essen oder das Land selber. Die USA, insbesondere New York, sind die Lieblingsferiendestination der Schweizer. Natürlich gibt es immer politische Massnahmen, mit denen nicht jedermann einverstanden ist. Manche Leute vermischen aber leider manchmal politische Kritik mit Antiamerikanismus.

Viele Ihrer Mitbürger leiden unter der harten Steuerpolitik ihrer eigenen Regierung. Viele von ihnen geben sogar Ihre Staatsbürgerschaft ab. Das muss Ihnen Sorgen bereiten.
Die meisten geben ihren Pass ab, weil sie keine grosse Verbindung zu den USA haben, und nur ihre Eltern dort gelebt haben. Für andere ist es aber ein sehr schwerer Schritt. Wir schauen uns ihre Beweggründe an und versuchen die Probleme zu lösen, zusammen mit dem US-Steuerbehörde, dem US-Justizdepartement, und auch der Schweizer Bankiervereinigung. Mein Vorgänger Donald Beyer hat an vielen Treffen der Auslandamerikaner teilgenommen und ihnen zugehört.

Sie auch?
Ich habe einige getroffen, aber ich profitiere von seiner Vorarbeit. Ich verstehe die Probleme der Ausland-Amerikaner in der Schweiz sehr gut, und versuche ihnen zu helfen. Nächste Woche fliege ich nach Washington D.C. Ich werde dort mit wichtigen Leuten über die Situation unserer Bürger in der Schweiz sprechen. Wenn wir in der Steuerdebatte mit den Schweizer Banken einen Schritt weiterkommen, bin ich zuversichtlich, dass sich auch die Situation der Ausland-Amerikaner verbessern wird.

Bis dahin werden aber weitere Amerikaner gezwungen sein, ihren Pass abzugeben.
Das bedaure ich. Denn ich möchte, dass sie Amerikaner bleiben. Amerikaner zu sein ist das Grösste überhaupt. Wir können auf so viele Dinge stolz sein, die unser Land tut, national und international. Aber es wird immer Leute geben, die ihren US-Pass nicht wollen, weil die persönliche Verbindung zum Land fehlt.

In der Schweiz kostet es nichts, den Pass abzugeben. Die US-Regierung hat die Gebühr für die Passabgabe von 450 auf 2350 Dollar erhöht.
Ich möchte nicht auf die Details eingehen, aber der administrative Aufwand für diesen Prozess ist sehr gross. Die Gebühr war vorher nicht kostendeckend.

Hatten Sie selber Probleme, ein Schweizer Bankkonto zu eröffnen?
Nein, ich hatte keine Probleme.

Welche Bank nahm Sie auf?
Diese private Information möchte ich nicht mit Ihnen teilen. Aber ich habe hier ein Bankkonto und kann meine Bankgeschäfte erledigen.

Auch mit einer Schweizer Kreditkarte?
Fragen Sie als nächstes auch noch nach meiner Sozialversicherungsnummer? (lacht)

Nein, aber für viele Auslandamerikaner ist es nun mal sehr schwierig geworden, eine Bank zu finden, von der sie nicht abgelehnt werden.
Manche Banken arbeiten noch immer mit US-Kunden, und wie gesagt, wir arbeiten mit der Schweizer Bankiervereinigung zusammen, um die Situation zu verbessern.

Inwiefern bereitet Ihnen die Annahme der SVP-Masseneinwanderungsinitiative Sorgen?
Wir wissen noch immer nicht, was die wirklichen Konsequenzen sein werden. Aber wir beobachten die Entwicklung sehr aufmerksam. Ich spreche mit US-Firmen, Grosskonzernen aber auch Start-Ups, die in der Schweiz tätig sind, denn sie möchten auch in Zukunft Talente aus dem Ausland in der Schweiz anstellen können.

Haben Sie darüber auch schon mit der Schweizer Regierung gesprochen?
Natürlich, wir gehen das Thema von allen Seiten an.

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