Von Sarah Serafini

Manchmal liegt in der Wohnung von Max Steiner* Latexkleidung herum. Stiefel zum Beispiel. Oder eine Latexhose. Die gehören seinem Lebenspartner. «Er steht da halt drauf», sagt Steiner, der 70 Jahre alt und seit einem Hirnschlag halbseitig gelähmt ist. Jeden Morgen kommt die Spitex zu ihm nach Hause und hilft ihm beim Aufstehen, Waschen, Anziehen und Frühstücken.

Bei so viel Pflege entsteht Nähe und da ist es klar, dass die Spitex-Angestellten einiges aus seinem Leben mitbekommen. Den Fetisch seines Lebenspartners beispielsweise. «Ständig musste ich mich rechtfertigen», sagt Steiner. Das habe ihn wahnsinnig genervt. Darum wechselte er vor sieben Jahren zur Spitex Goldbrunnen/Gaynursing, die sich auf schwule, lesbische, bisexuelle oder transsexuelle (LGBT) Patienten spezialisiert hat.

Mit Gaynursing ist Steiner heute sehr zufrieden. Die Atmosphäre sei ungezwungener, die Vertrauensbasis besser. Sorgen bereitet ihm allerdings die Zukunft: «Wie lange noch wird es mit der Spitex gehen? Was geschieht, wenn ich in eine Alterswohnung muss?» Steiner befürchtet, in einer herkömmlichen Pflegeinstitution diskriminiert zu werden und sein Schwulsein verstecken zu müssen. Eine Alterseinrichtung für Homosexuelle gibt es – anders als in Deutschland – in der Schweiz bisher nicht.

Das soll sich am Dienstag ändern. Dann feiert der Verein «queerAltern» seine Gründung. Das Ziel des Vereins ist es, in drei bis vier Jahren in Zürich die ersten Alterswohnungen für «queere» Menschen zu eröffnen. Als «queer» werden Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle, Transgender oder andere Personen bezeichnet, die von der Heteronormativität abweichen. «Ein Haus der Vielfalt soll es werden», sagt Vincenzo Paolino, Mitglied des Kernteams von queerAltern. Das genaue Konzept steht noch aus. In einem ersten Schritt will das Team um Paolino dem Projekt zuerst Gehör verschaffen, dann einen Businessplan erstellen und die richtige Rechtsform sowie das notwendige Kapital finden.

Entsprungen sei die Idee einer Umfrage im Jahr 2012 mit 240 Teilnehmern. Diese habe gezeigt, dass sich ältere, queere Menschen nach einer Pflegeeinrichtung sehnen, wo sie unter ihresgleichen den Lebensabend verbringen können. Denn solche Menschen werden – vor allem von Älteren oder in ländlicheren Gebieten – auch heute noch stigmatisiert. In einer Pflegeinstitution zu leben, wo man sich selbst verleugnen müsste, ist für viele nicht mehr vorstellbar. Paolino, der selber auch schwul ist, sagt: «Wenn es bei mir einmal so weit ist, möchte ich nicht etwas aufgeben, das ich bisher frei leben konnte.»

Es wird geschätzt, dass etwa 10 Prozent der Bevölkerung LGBT-Menschen sind. In der Schweiz sind demnach rund 143 000 über 65-Jährige schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell. Christoph Bucher von der Spitex Gaynursing vermutet, dass viele Bewohner in Pflegeinstitutionen ihre sexuelle Orientierung verstecken müssen. «Und das in einem Alter, wo die eigene Biografie mit der ersten Liebe, mit prägenden Ereignissen sehr wichtig wird.» Wer sich outet, riskiert von den Bewohnern ausgeschlossen und von den Pflegern schlechter behandelt zu werden. Der Wunsch, auch im Alter offen zu seiner Homosexualität zu stehen, nimmt zu. Das habe mit dem demografischen Wandel zu tun, sagt Bucher. «Wir haben es heute mit der ersten Generation von queeren Menschen zu tun, die offen gelebt hat und jetzt pflegebedürftig wird.»

Der 70-jährige Steiner bestellt sich, nachdem er von Gaynursing versorgt wurde, jeweils ein Taxi und fährt ins Tagesspital. Dort trifft er auf andere ältere Menschen, die ebenfalls tagsüber eine ambulante Betreuung erhalten. «Manchmal stellen sie mir seltsame Fragen», sagt er. «Wo ist Ihre Frau? Ist sie schon gestorben? Haben Sie etwa nicht geheiratet?» Steiner antworte dann, dass ihm dieser Fehler zum guten Glück erspart geblieben sei. Auch wenn er über solche Geschehnisse lachen kann, hofft er, dass sich der Verein queerAltern beeilt, damit er bald in die ersten Alterswohnungen für Homosexuelle einziehen kann.

* Name von der Redaktion geändert

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