Patrick M. steht am Donnerstag vor dem Grand Casino St. Gallen und erinnert sich: «Ich konnte es zuerst gar nicht fassen. Erst, als mir andere Gäste sagten, dass ich den Swiss Jackpot gewonnen hatte, realisierte ich, dass ich auf einen Schlag mehrfacher Millionär geworden bin.» Doch die Euphorie ist längst verflogen. Aus dem 3,5- Millionen-Jackpot-Gewinn wurde für den dreifachen Familienvater aus dem grenznahen österreichischen Dornbirn ein veritabler Albtraum.

«Ich war damals schon spielsüchtig. Doch das viele Geld hat mich dann zum Schwerstabhängigen gemacht», sagt Metzer. Heute wirft er dem Casino vor, seine Sucht ausgenutzt und ihn wie eine Weihnachtsgans ausgenommen zu haben. «Sie hatten nur ein Ziel: Die Millionen wieder zurückzuholen», ist Metzer überzeugt. Der Vorwurf ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Das Casino St. Gallen behandelte Metzer nach seinem Riesengewinn wie einen König. «Ich bekam einen Gratisparkplatz und Spielautomaten wurden extra für mich in den Raucherbereich gestellt», so Metzer.

In einem Schreiben an das Casino schildert der Spielsüchtige, wie er innert kurzer Zeit ein Vermögen verzockte: «Ich möchte jenen Tag in Erinnerung rufen, an dem ich innerhalb einer halben Stunde 100 000 Franken an einem für mich reservierten Black-Jack-Tisch verlor. Zudem wurde ich von ihren Angestellten zu hohem Alkoholkonsum animiert.»

Metzer verteilte nach eigenen Angaben an diesem Abend noch 10 000 Franken an Trinkgeldern. Der verlustreiche Tag war damit aber noch nicht zu Ende. Wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss verlor er auch noch seinen Führerschein. Das war ihm allerdings keine Lehre. Schon am nächsten Tag zog es Metzer wieder ins Casino, wo er in den nächsten Wochen und Monaten sehr viel Geld verlor.

Am 30. Juli 2011 verhängte das Casino dann eine schweizweite Spielsperre gegen seinen bis dahin bevorzugt behandelten Millionen-Gewinner. Aber da war es bereits zu spät. Metzer hat nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt bereits den ganzen Gewinn von 3,5 Millionen Franken verjubelt. «Alleine für Trinkgelder habe ich rund 250 000 Franken ausgegeben.»

Jetzt richtet Metzer heftige Vorwürfe an die Adresse des St. Galler Casinos. Dieses sei seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen und hätten seine Spielsucht ignoriert. «Auch nach dem Jackpot-Gewinn hätte das Casino aufgrund meiner vielen Besuche, den sehr hohen Einsätzen und meinem exzessiven Alkoholkonsum viel früher eine Überprüfung meiner Person machen müssen», findet Metzer. Erst als bei ihm nichts mehr zu holen war, habe man ihn gesperrt.

Er wirft dem Casino deshalb vor, fahrlässig und rechtsbrüchig gehandelt zu haben und fordert eine Entschädigungszahlung von 250 000 Franken oder mehr. Diese soll an «seine leidgeprüfte Frau und den gemeinsamen Kindern» ausbezahlt werden. Metzer hat bereits einen Anwalt kontaktiert, um seine Forderungen rechtlich durchzusetzen.

Das Casino St. Gallen weist jede Schuld von sich. Auch die Behauptung, dass er den ganzen Jackpot von 3,5 Millionen bei ihnen verspielte. «Gemäss unseren Einschätzungen haben Sie seit ihrem Gewinn am 19. Oktober 2005 Spielausgaben in der Grössenordnung von 1,8 Millionen Franken getätigt. Dieses Verhältnis gab keinen Grund zur Annahme, dass Sie Spieleinsätze riskieren, die sich nicht mit ihren finanziellen Verhältnissen vereinbaren lassen», steht in einem Schreiben von Ende letzten Jahres. Den Vorwurf, das Casino habe zu spät auf die Spielsucht reagiert «weisen wir mit Nachdruck zurück», schreiben die Verantwortlichen. «Wegen laufender und hängiger Abklärungen können wir keinen Kommentar zu den Vorwürfen abgeben», sagt Casino-Sprecher Martin Vogel.

Metzer weiss, dass ein Spieltempel keine Sozialeinrichtung ist, sondern nur ein Ziel hat: Gewinne einzuspielen. Auf den ersten Blick scheint seine Forderung deshalb chancenlos. Schliesslich sei er freiwillig ins Casino gegangen und jeder sei für sich selbst verantwortlich, wie er sagt.

Doch bei schwer süchtigen Spielern wie Metzer gibt es in seinem Heimatland Österreich seit kurzem ein bemerkenswertes Gerichtsurteil. In einem vergleichbaren Fall hat ein Spielsüchtiger gegen das Casino Austria geklagt und recht bekommen. Das Oberlandgericht in Graz befand, dass das Casino seine Aufsichtspflicht verletzt habe und über eine halbe Million Franken Entschädigung zahlen muss. Bereits sind fünf weitere Klagen hängig. So gesehen wäre ein entsprechendes Verfahren in der Schweiz ein interessanter Testfall.

Metzer wäre bei einem Gerichtsfall auch ein klassisches Beispiel, wie die Spielsucht Existenzen und ganze Familien zerstören können. «Meine persönliche Situation hat sich wegen der Casino-Besuche in St. Gallen geradezu dramatisch entwickelt.» Sozialhilfe-Empfänger, Verlust des Arbeitsplatzes und von sozialen Kontakten, Ausgrenzung durch ehemalige Geschäftspartner und familiäres Leid seien nur ein Teil davon, so Metzer.

Er hat nun eine Therapie begonnen, um seine Sucht in den Griff zu bekommen. Doch er weiss, der Weg dorthin ist noch lang. Metzer: «Ein Heroinabhängiger spritzt sich das Gift in die Venen. Ein Glücksspiel-Junkie wirft den Stoff in den Automaten. Beide stehen am Schluss als Verlierer da.»

*Name von der Redaktion geändert

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