Der Chauffeur Julius B. hatte sich wohl nichts dabei gedacht, als er am Freitagabend kurz nach sechs in einer Bäckerei an der Konradstrasse in Zürich ein Couvert auf dem Boden liegen sah. Als er es aufhob und aufmachte, muss ihm aber kalt den Rücken hinuntergelaufen sein. Im Couvert war das Foto eines Mannes zu sehen, der noch vor wenigen Monaten die Welt mit Blut und Verderben überzogen hatte: Adolf Hitler. Im selben Umschlag fand Julius B. an jenem 18. November 1945 auch eine Fotomontage. Sie zeigt Churchill und Hitler auf einem Bild vereint. Dazu die Abschrift des Textes des Liedes «La Paloma». «Mich rief es an Bord, es wehte ein frischer Wind. Zur Mutter sprach ich: O, bete nur für dein Kind».

Julius B. war der Fund nicht geheuer. Er brachte das Couvert auf den nächsten Polizeiposten. Verdacht: «Nazipropaganda». Dort nahm man den Fall ernst und schaltete die politische Abteilung ein. Die Detektive Walter Hüni und Albert Frey auch bekannt als Büro HF übernahmen. Seit den 1920ern hatte die Stadtpolizei Beamte abgestellt, die «Umstürzler» und «politische Umtriebe» im Auge behalten sollten. Seit 1934 bestand das Büro HF.

Das Hitler-Foto samt Liedtext liegt heute, 70 Jahre später, in der Akte «Adolf Hitler» des Kriminalkommissariats III – so der Name der Nachfolgeabteilung des «Büro HF» – im Zürcher Stadtarchiv. Sie wurde bisher weder von der historischen Forschung noch von den Medien beachtet. Eine Auswertung der «Schweiz am Sonntag» zeigt nun: Hätten die Zürcher Beamten den Eifer, mit dem sie Hitler nach dessen Tod nachspürten, 25 Jahre früher an den Tag gelegt, hätten sie dessen Aufstieg vielleicht bremsen können.

Doch von Anfang an. Im Sommer 1923 logierte Adolf Hitler in einem Hotel an der Zürcher Bahnhofstrasse. Der Nationalsozialismus war damals noch schwach und Hitler pleite. Von reichen rechten Schweizern erhoffte er sich nicht nur Unterstützung, sondern auch harte Währung. In Deutschland herrschte gerade Hyperinflation. Der am Morgen ausbezahlte Lohn war am Abend kaum noch etwas wert. Wer auf seine Angestellten oder bezahlte Schläger zählen wollte, der bezahlte sie vorzugsweise in ausländischer Währung. Die NSDAP zahlte Funktionäre und SA-Paramilitärs in Schweizer Franken. Denn Hitlers Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Er traf zunächst General Ulrich Wille in Horgen. Dieser hatte in die Schweizer Armee preussische Methoden eingeführt und sympathisierte im Ersten Weltkrieg mal mehr, mal weniger heimlich mit den Achsenmächten. Sein gleichnamiger Sohn lud Hitler in die Villa Schönberg im Zürcher Enge-Quartier ein. Dort referierte Hitler über sein politisches Projekt und nahm wohl auch Spenden entgegen. Hitler sammelte während seines Aufenthaltes in der Schweiz zwischen 11 000 und 123 000 Franken. Von Historikern wird die Zahl von 30 000 Franken für realistisch befunden. So oder so: Das Geld war entscheidend, um den Aktivismus der Nazis im Herbst 1923 zu finanzieren. Kurz darauf unternahm Hitler den ersten Versuch, an die Macht zu gelangen. Der missglückte Staatsstreich in München, von wo er nach Berlin marschieren wollte, ging als Bürgerbräu-Putsch in die Geschichte ein.

In der Akte Hitler ist über Hitlers Fundraising-Tour, die auch nach Schaffhausen und Aarau führte, nichts zu lesen. Im Dezember 1924 fragte der Zürcher Polizeikommandant Otto Heusser die Bundesanwaltschaft per Brief, ob Hitler tatsächlich in Zürich war. Er hatte von Hitlers Schweiz-Reise aus der Presse erfahren. Erst Jahrzehnte später sollten die Historiker Willi Gautschi, Raffael Scheck sowie der Wille-Nachfahre Alexis Schwarzenbach diese Ereignisse rekonstruieren. Wer wie viel gespendet hatte, fanden auch sie nicht heraus.

Der historisch folgenreiche Dilettantismus der Zürcher Stadtpolizei hatte vor allem zwei Ursachen. Erstens versagte das Schweizer Generalkonsulat in München. Es gab Hitler ein Visum für «Studienzwecke», obwohl offensichtlich war, dass Hitler in die Schweiz reiste, um seine Bewegung zu finanzieren. Er musste nur versprechen, sich nicht politisch zu betätigen. Doch das Münchner Konsulat meldete Hitlers Visa den Schweizer Behörden erst, als dieser die Schweiz schon wieder verlassen hatte. Dafür wurde es später vom Chef der Fremdenpolizei scharf gerügt.

Der zweite Grund war das falsch eingestellte Visier der Polizei-Schnüffler. Der Staatsschutz in der Schweiz entstand, um eine vermeintliche Gefahr von links abzuwenden. Kommunisten und Anarchisten, für welche gerade Zürich ein Tummelplatz war, wurden überwacht. Spitzel berichteten, was an Versammlungen besprochen wurde, Denunzianten meldeten «kommunistische Umtriebe» in der Nachbarschaft.

Auf dem rechten Auge war der Staatsschutz lange blind. Das lag auch daran, dass ein Teil der Schweizer Eliten selber mit autoritären Ideen sympathisierte. Aufgeschreckt von der Revolution in Russland (1917) vom Landesgeneralstreik in der Schweiz (1918) erschienen ihnen (proto)faschistische Gruppen zunächst nicht als Gefahr, sondern als Bollwerk gegen den Bolschewismus. So dachte auch mancher Polizist. Dies begann sich erst ab dem Jahr 1933 zu verändern. In Deutschland gelangte Hitler an die Macht, und die Frontenbewegung erlebte in der Schweiz ihren Frühling. Diese Schweizer Version des Faschismus zog nicht nur in Parlamente ein, sondern auch gewalttätig durch die Strassen. Erst jetzt erschien der Nationalsozialismus auch auf dem Radar der Polizei.

So spät die Staatsschützer auf Rechts reagierten, so gross war danach der Eifer. Hitler sah man nun auch dort, wo er gar nicht war. Das zeigt ein Polizeirapport aus der Zürcher Hitler-Akte. Im Jahr 1934 ging das Gerücht um, Hitler gehe im Haus Utoquai 39 an der Seepromenade unweit des Opernhauses ein und aus. Die Detektive der Stadtpolizei klärten ab, ob Hitler dort über Mittelsmänner ein Haus gekauft habe. Oder verhalf ihm der deutsche Industrielle Günther Quandt, der dort bis 1933 logiert hatte, zu einer noblen Adresse in Zürich? Durfte Hitler bei Quandt couchsurfen? Nach Abklärungen vor Ort und auf dem Notariat Riesbach notierte Detektiv Hüni: «Ob Hitler tatsächlich am Utoquai 39 schon inkognito abgestiegen ist, konnte nicht festgestellt werden.» Vor dem Haus seien auch deutsche Autos vorgefahren, es könne aber niemand mehr sagen, wer die Insassen waren und ob sie jeweils zu Quandt gingen. Heute gilt als erwiesen, dass Hitler nach 1923 nicht mehr in Zürich war.

Trotz ausbleibendem Fahndungserfolg: Die Stadtpolizei blieb dran. Von nun an sammelte sie akribisch Zeitungsartikel. Aus den Jahren des Zweiten Weltkrieges ist eine Collage verschiedenster Berichte überliefert. Die Sammelwut nahm gegen Kriegsende zu. Jede noch so kleine Spekulation über den Gesundheitszustand oder den Verbleib Hitlers wurde in die Akte abgelegt.

Aus der «NZZ» erfuhren die Beamten am zweiten Mai 1945 vom Tode Hitlers. Doch schon drei Tage später säte ein anderer Artikel Zweifel: «Keine Spur von Hitlers Leiche gefunden», berichtete die «Tat». Die Staatsschützer lasen in den Sommermonaten 1945 etliche Berichte über neue Versionen vom tatsächlichen Tode des Diktators und Spekulationen über eine Flucht Hitlers. «Hitler nicht in Spanien», «Die Gefahr Hitler besteht weiter», «Hitler wird nach Deutschland zurückkehren» oder «Hitler soll sich in Liechtenstein herumtreiben», lauteten die Schlagzeilen. Gerüchte über Hitlers vermeintliches Weiterleben entnahmen die Zürcher Beamten aber nicht nur der Presse. Noch 1947 liess die Bundesanwaltschaft Zürcher Hotelregister nach angeblichen Decknamen von Hitler durchsuchen, wie die «WOZ» aus Akten des Bundesarchivs zitierte.

Erst im Mai 1963 gab die Zürcher Stadtpolizei die Suche offenbar auf. Ein Beamter zeichnete auf der letzten Seite der Akte Hitler ein Kreuz neben den Namen des Führers. Der Inhalt des letzten Beitrages besteht aus einer Meldung der Basler «National-Zeitung». Unter dem Titel «Hitlers Leiche doch gefunden?» berichtete sie, dass sowjetische Offiziere bestätigten, Hitlers Leiche 1945 verscharrt zu haben. Hitler war 1963 seit 18 Jahren tot.

Warum schenkten Zürcher Polizisten ihm so lange noch Beachtung? Träumten sie davon, Hitler verhaften zu können? Eine Meldung aus den USA, wonach darauf eine Belohnung ausgesetzt werden sollte, findet sich ebenfalls in der Akte. Vielleicht wollten sie aber ganz einfach auf keinen Fall ein zweites Mal eine historische Chance verpassen.

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