VON SARAH WEBER

Die Aussagen ihres behinderten Sohnes seien glaubwürdig, ist die Mutter B. H. überzeugt. Der heute 19-Jährige ist hörbehindert, kann sich aber sehr gut verbal ausdrücken. Deshalb haben die Eltern ihrem Kind auch sofort geglaubt, als es vor einem Jahr – just an seinem Geburtstag – von den sexuellen Übergriffen des Betreuers H. S. zu erzählen begann.

Und gehandelt: Sie informierten umgehend die Heimleitung des Wohnheims Nische in Zofingen. Die Verantwortlichen nahmen die Vorwürfe ernst, informierten die Polizei. Wenige Tage später wurde der Betreuer H. S. an seinem Wohnort in Interlaken verhaftet.

Doch die Schuld nur auf den verhafteten Betreuer H. S. schieben, das wollen die Eltern nicht. «Mein Sohn sagt, dass er seinen Betreuungspersonen in seiner Wohngruppe von den Übergriffen erzählt habe», so die Mutter. Doch darauf reagiert habe im Wohnheim Nische niemand. «Warum soll ich meinem Kind bei den Aussagen zu den Übergriffen glauben – und jetzt plötzlich nicht mehr?», fragt sich die Mutter.

Zudem: Seit ihr Sohn in der Nische sei, habe sich sein Verhalten verändert. Das sei nicht nur ihr aufgefallen. Habe sie aber bei den Betreuern nachgefragt, habe es bloss geheissen: Der Sohn brauche noch Zeit, um sich am neuen Ort einzugewöhnen, oder er habe heute halt einen schlechten Tag. Deshalb haben die Eltern Strafanzeige gegen die damaligen Betreuer ihres Sohnes eingereicht. Dies bestätigt die zuständige Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm.

Gegen die schweren Vorwürfe wehrt sich der Stiftungsratspräsident der Stiftung Nische in Zofingen. «Die Vorwürfe der Eltern erachte ich als haltlos», sagt Ruedi Schärer. Man habe die Eltern sehr ernst genommen und sich bei der eingeleiteten Untersuchung kooperativ gezeigt. Man habe deshalb die Mitarbeiter konfrontiert, Gespräche geführt, eine externe Untersuchung im Haus gehabt, die Eltern des Opfers zur Aussprache geladen.

Der Heimleiter Heinz Sigwart zeigt Verständnis für die Eltern: «Ich schliesse nicht aus, dass das Opfer auf seine Art probiert hat, etwas zu sagen.» Jedoch sei es für ihn schlicht unvorstellbar, dass die Mitarbeitenden etwas von den Übergriffen wussten. «Wir haben deshalb auch bei allen Ermittlungen volle Transparenz angeboten», so der Heimleiter.

Bisher seien bei der Untersuchung keinerlei Beweismittel gegen die Betreuungspersonen gefunden worden, sagt Ruedi Schärer. Der Verdacht, dass die Mitarbeiter der Wohngruppe von den Übergriffen gewusst haben, hat sich nicht erhärtet. «Es war ein Aufatmen für uns», sagt der Stiftungsratspräsident.

Er ist überzeugt, dass man alles unternommen habe, um die Vorwürfe zu untersuchen. «Wir haben uns sogar an eine Ombudsstelle gewandt und sämtliche Akten und Journaleinträge durchforsten lassen.» Es sei schliesslich in ihrem Interesse, dass das aufgeklärt werde, so der Stiftungsratspräsident. Aber wenn keine Hinweise gefunden werden, dann müsse man sich auch gegen diesen Generalverdacht wehren.

Heimleiter und Stiftungsratspräsident sind sich einig: «Wir gehen davon aus, dass H. S. ein Einzeltäter war und niemand hier etwas gewusst hat», so Ruedi Schärer. Deshalb wollen sich die Verantwortlichen für ihre Mitarbeiter und die Institution wehren, nötigenfalls auch mit rechtlichen Schritten, so Schärer. Denn: «Ohne Vertrauen können wir hier nicht arbeiten und deshalb werden wir auch die Mitarbeiter in jeder Hinsicht unterstützen.»

Aber auch die Eltern des Opfers geben nicht auf. Deshalb wollen sie ein psychiatrisches Gutachten von ihrem Sohn erstellen lassen, das belegen soll, dass seine Aussagen ernst zu nehmen sind. Der Vater A. H.: «Wir wollen, dass künftig genauer hingeschaut wird und reagiert wird.»

Der Vater bestätigt zudem die Sorgen der Mutter: «Warum soll mein Sohn in diesem Fall lügen? Die Aussagen bezüglich H. S. entsprachen ja auch der Wahrheit. Schliesslich ist mein Sohn überhaupt nicht berechnend.»

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