Service public – politisch ist das Thema vorderhand vom Tisch. In der Realität herrscht aber weiterhin Notstand: Poststellen werden geschlossen, Briefkästen zwangsverschoben. Die SBB erhöhen die Preise und reduzieren den Dienst.

Glücklicherweise gibt es noch das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es vergisst seinen wichtigsten Auftrag nicht und wahrt das elementarste Menschenrecht: die Versorgung der Bevölkerung mit Fussball. In Zeiten der Unsicherheit und diffuser Ängste ein wichtiger Faktor, um Menschen im emotionalen Gleichgewicht zu halten. So sind die Leutschenbach-Kommentatoren, Moderatoren und Experten derzeit unsere wichtigsten Bezugspersonen: Wir freuen uns mit Rainer Maria Salzgeber über das wunderbare Klima in Montpellier, geniessen mit Mathias Hüppi das überraschend stabile Stimmungshoch im Camp der Nationalmannschaft, und wir wünschen Patrick Schmid, dass er Sprachbilder besser trifft als der Schweizer Sturm das Tor: «Die Nordiren verteidigen mit Katz und Maus», liess uns der motivierte Jungreporter in der Partie gegen die Ukraine wissen. Auch die «Titanic» ist untergegangen: mit Mann und Maus.

Im Fall der Schweizer TV-Crew wäre es übertrieben und unfair, die Rettungsboote zu wassern. Die eine oder andere Schwimmweste genügt. Die «Schweiz am Sonntag» hat die SRF-Leistung durch eine bunt gemischte Jury beurteilen lassen (s. Bild). Nach 24 von 51 Spielen ist die Bilanz durchaus erfreulich: Das Team befindet sich auf Achtelfinalkurs – nicht nur die Jury-Gewinner Salzgeber (Moderation), Sutter (Experte) und Ruefer (Kommentar).

Zensur der Uefa
In der Fernsehberichterstattung ist es wie im Fussball: Man muss die kleinen Dinge richtig machen, die Hausaufgaben erledigen und aus sicherer Defensive operieren. Die Basis liefert die Uefa. Sie lässt jede Partie in der Gruppenphase mit 38 Kameras produzieren, ab den Viertelfinals kommen 46 zum Einsatz. Die Bilder dringen aber nicht ungefiltert zum Konsumenten. Prügelnde Querulanten oder flitzende Fans werden ausgeblendet. Das schöne Spiel soll nicht von Trittbrettfahrern als Plattform missbraucht werden.

Das SRF ist als nationaler Rechteinhaber für die Endverwertung zuständig. Im Fokus steht der helvetische Bezug. Das Begleitprogramm wird von 87 Mitarbeitern bestritten, 56 konzentrieren sich auf die Schweiz. Der Gesamtaufwand ist mit 18 Millionen Franken stattlich. Trotzdem bleiben Hurra-Patriotismus und Plastikfähnchen-Chauvinismus wohltuend im Hintergrund. Auch Ruefer ist kein Schreier, was bei anderen Kanälen nicht immer behauptet werden kann. Die staatlich subventionierten Fussballfans vom Österreichischen Rundfunk stimmten ihr Publikum vor dem geschichtsträchtigen Auftakt gegen Ungarn mit einem sechsstündigen Vorprogramm auf den Schlager ein. Der Abspann nach der 0:2-Niederlage dauerte dann nicht ganz so lange.

Nationenübergreifend ist der Experten-Trend. Es scheint, dass der kommentierende Journalist ohne Legitimation einer höheren Fachkraft nicht einmal mehr sagen darf, dass der Rasen grün sei. Sportreporter-Legende Karl Erb meint dazu: «Eigentlich müsste der Reporter das Geschehen kommentieren und den Zuschauern die Bilder erklären. Der Experte käme zum Zug, wenn es um Details und Hintergrundinfos geht, die nur Insider kennen. Leider ist dies praktisch nie mehr der Fall.»

Riesige Datenmenge
Auch die Informations-Schwemme ist für Erb oft des Guten zu viel: «Der Zuschauer wird durch mündliche und optische Informationen fast überflutet. Manchmal habe ich das Gefühl, es prassle ein Überfluss an Einblendungen und Analysen auf die Zuschauer ein.» Tatsächlich ist im Umgang mit statistischen Daten Fingerspitzengefühl gefragt. Denn bei den von der Uefa gelieferten Datenmenge (Ballbesitz, Passgenauigkeit, Laufmeter …) könnte man 90 Minuten nur über Zahlen sprechen.

Die Resonanz gibt dem SRF recht. Das zweite Gruppenspiel der Nationalmannschaft gegen Rumänien verfolgten im Durchschnitt 1,38 Millionen Zuschauer, der Marktanteil betrug 66,4 Prozent. Das ist die bisher höchste Zuschauerzahl des Jahres. So ist rein statistisch auch der Verdacht entkräftet, dass die Schweizer «fremdsehen». Fernsehdirektor Roger de Weck sagte an einer Telekom-Tagung in Bern, dass sich der Marktanteil von ARD und ZDF während der EM in der Schweiz bislang auf maximal zwei Prozent beschränke – und das seien vermutlich die Deutschen in der Schweiz gewesen.

Qualitativ liesse sich ennet der Grenzen aber durchaus abschauen. ARD-Experte Mehmet Scholl dribbelt nationale und internationale Konkurrenz locker aus – mit einer wohltuenden Mischung aus Insiderwissen, Fachanalyse und Selbstironie. In der Schweiz dagegen scheint zu gelten: mehr ist mehr. Fast täglich werden neue Experten und Analysten beigezogen: Johann Vogel, Benjamin Huggel, Marco Streller, Gürkan Sermeter, Rolf Fringer, Murat Yakin, Andy Egli, Christoph Spycher. Wer es als Altinternationaler oder unterbeschäftigter Trainer nicht in die SRF-Aufstellung geschafft hat, muss ausgewandert oder zum permanenten Babysitten verpflichtet sein. Karl Erb kann damit nichts anfangen: «Spätestens wenn an einem Match vier Experten und drei Reporter im Einsatz stehen, ist das absoluter Blödsinn. Oft plaudern alle das Gleiche, und man merkt nicht mehr, wer Reporter und wer Experte ist.»

Sutter/Wicky wie im Comic
Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann: Die alte Weisheit trifft auch auf die Sportberichterstattung zu. Geht es um die wichtigste Nebensache, zählen Emotionen oft mehr als Sachlichkeit – auch in der Wahrnehmung des SRF-Personals. Jeder hat einen Diskussionsbeitrag und pocht auf die staatlich gewährte Meinungsfreiheit. In den Billag-Gebühren ist das Recht auf Kritik und Häme inbegriffen.

Optisch gehen die Meinungen auseinander: Beim Schweizer Experten-Duo Alain Sutter/Raphaël Wicky wird man das Gefühl nicht los, die beiden Koryphäen seien aus einem Comicfilm ausgebrochen. Ihre steilen Frisuren und Bartstoppeln erinnern an zwei Cowboys vom deutschen Kinderkanal. Fachlich bewegen sie sich aber im richtigen Film. Sutter war der Einzige, der nach dem hart erarbeiteten Schweizer Sieg im Albanien-Spiel in der Kritik die Verhältnismässigkeit nicht verlor: «Es zählen nur die drei Punkte.» Für einmal war die Allerweltfloskel die einzig richtige Analyse.

Unklar ist die Rolle von Altschiedsrichter Carlo Bertolini. Der Tessiner setzt auf das Prinzip Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Er kommt nur zu Wort, wenn es um regeltechnische Angelegenheiten geht – wie ein Gewerkschaftsvertreter. Eine verpasste Chance: Vielleicht verstehen ja sogar Referees etwas von den taktischen Finessen des Fussballs.

Verständigungsprobleme
Gesellschaftspolitisch kommt das SRF seinem Auftrag in Frankreich perfekt nach, beherzigt in der Personalwahl konsequent den Minoritätenschutz und beweist eindrücklich: Nicht nur auf dem Posten des Fifa-Präsidenten hat das Wallis im Fussball überproportional viel zu bieten. Das führt zu Feriengefühlen, aber spätestens beim Mainzer Wundertrainer Martin Schmidt gelegentlich zu Verständigungsproblemen. Anders gesagt: Wer in der Bundesliga die Seelen der Fussballer berührt, besitzt nicht zwangsläufig die Artikulationsgabe, um der Nation die wichtige Nebensache zu erklären. Auch Murat Yakin interpretierte seine Rolle im Mittelfeld einst klarer und verständlicher als im SRF-Fauteuil. Untertitel könnten helfen.

Der König der Stilblüten und Floskeln ist schon gekrönt: Dani Kern. Bei ihm werden Räume zugestellt, Halbmöglichkeiten kreiert, Leistungen abgerufen. Die Mannschaften bewegen sich auf Augenhöhe, und die Angriffsbemühungen geraten ins Stocken. Immerhin: Der Eckball ist auch bei Kern rund.

Weniger ist mehr. Der Mann mit der grössten Fachkompetenz und Sprachsicherheit in der Live-Mannschaft von SRF bleibt Dani Wyler. Als Fussballer traf er bei den FCZ-Veteranen das Tor nicht immer, mit seinen Einschätzungen liegt er aber fast ausnahmslos richtig. Und als er nach dem späten Siegestor der Franzosen gegen Albanien sagte: «Die Albaner tun mir leid», sprach er vielen aus der Seele.

Zusammen mit seinen Kollegen wird Wyler dem Auftrag bislang gerecht. Dani Kern würde wohl sagen, wir befinden uns auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Dabei erlaubt sich SRF einen Luxus: Der beste Mann sitzt auf der Bank. Pensionär Bernard Thurnheer darf als Beschäftigungstherapie nur noch die Retro-Rubrik betreuen. Dies ist eine fahrlässige Verschwendung öffentlicher Ressourcen: Beni national besitzt Wortwitz und Schlagfertigkeit, um selbst eine dreistündige Curling-Übertragung zum verbalen Spektakel zu machen oder den Tauchgang eines Wasserballetts zum Feuerwerk zu befördern. Er hätte beim 0:0 von Deutschland gegen Polen für den einen oder anderen Volltreffer gesorgt – garantiert.

Kurzfazit: Der FC Leutschenbach ruft eine solide EM-Leistung ab. Aber er spielt mit der falschen 9.

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