Von Stefan Brändle aus Paris

Die glückliche Stunde ist vorbei. Das Schild «Happy Hour» hängt zwar noch vor dem Café Carillon. Doch die roten Blutflecken auf dem Trottoir werden nur langsam vom Nieselregen verwässert. An der Holzwand der Bar sind die Einschüsse zu sehen, dazu zersplitterte Fensterscheiben. Hier starben 14 Menschen unter den Kugeln von Attentätern.

Während kein einziger Polizist zu sehen ist, bringen Anwohner und Gäste der Quartierbar, meist Bobos und andere Bohémiens, Sträusse vorbei. Ein Kartonschild besagt: «Langes Leben dem Leben. Wir stehen zusammen, ohne Hass, ohne Angst, ohne Amalgam.» Hier herrschte bis zum Freitag die Toleranz.

Hélène-Rose weint. «Es ist verrückt. Es hätte mich treffen können, es hätte andere treffen können. Es traf Freunde von mir», sagt die Studentin, froh, sprechen zu können. Im Nachbarviertel hat die Polizei die Strassen um den lokalen Treffpunkt Bataclan hingegen abgesperrt. Ein graues Tuch versperrt die Sicht auf den Schauplatz, an dem über hundert Konzertbesucher ihr Leben liessen. Die dreistündige Geiselnahme muss die Hölle gewesen sein. Handybilder zeigen, wie Gäste aus hohen Fenstern kletterten, um ihren Henkern zu entgehen.

Julien, ein Radiojournalist von Europe 1, berichtet: «Zuerst sah ich drei Männer mit Sturmgewehren. Die Leute haben sich auf den Boden geworfen. Die, die sich erhoben, um zu fliehen, wurden eiskalt niedergeschossen.» Eine junge Frau mit rotbraunen Haaren erzählte daneben einem Newssender, sie habe sich auf einmal einem Attentäter gegenübergesehen. «Du schaust ihn an, er schaut dich an. Ich habe seinen Blick gesehen, und sein Blick war klar: Er wollte uns umbringen.» Wütend sagte die Frau: «Das sind Feiglinge, auf Wehrlose zu schiessen, auf Frauen, Kinder. Wir werden darüber hinwegkommen, wir machen weiter, wir hören nicht zu leben auf.» Dann erstickten ihr die Tränen die Stimme.

Bei der Place de la République versammeln sich Trauernde, die meisten jüngeren Alters. Eine Frau bildet mit Kerzen das Wort «paix», Friede. Ihr Mann steht daneben, mit roten Augen. Auch er hat Bekannte verloren. «Wir wohnen in der Rue de Charonne und hörten die Schüsse von der Bar La Belle Equipe.» Dort gab es 18 Tote. «Meine Frau und ich haben im Januar schon die Anschläge auf ‹Charlie Hebdo› miterlebt», erzählt Alberto, «Das geht an die Nieren. Wir wollen weg, aufs Land. Ich bin Kolumbianer, in meinem Land laufen Friedensverhandlungen. Hier in Frankreich herrscht Krieg.» Überlegt kurz und fügt an: «Das war erst der Anfang.»

Jetzt kommen ein paar Polizisten in Zivil, um den Platz zu räumen. In Frankreich herrscht höchste Anti-Terror-Alarmstufe. Präsident Hollande hat den Notstand erklärt. Doch die Leute verlassen den Platz nicht. Dafür sind die Strassen an diesem Samstag, dem pulsierendsten Wochentag von Paris, zum Teil wie ausgestorben. Die Polizeipräfektur hatte die Einwohner gebeten, zu Hause zu bleiben. Der Eiffelturm ist geschlossen, die Notre-Dame-Kathedrale ebenso.

Die Kaufhäuser und viele Geschäfte sind zu. Ein Vater erzählt, sein Sohn sei am Morgen in der Judostunde gewesen, danach habe die Direktion die Turnhalle dichtgemacht und die Sporttreibenden auf nächste Woche vertröstet. Auch der Vater sagt, sichtlich verstört, während ihn die Kinder mit grossen Augen anschauen: «Wir müssen weitermachen.»

Denn erstens geht das Leben nun einmal weiter, und zweitens sind die Pariserinnen und Pariser langsam an die Attentate gewöhnt. Sie wissen, die Bedrohung kommt aus der Banlieue, dem Vorstadtgürtel. Bisher trennte ihn die Ringautobahn von Paris. Das war bequem, auch bei den grossen Vorstadtkrawallen von 2005. Jetzt kommen die sogenannten Banlieue-Terroristen bis in die Innenstadt. Da hilft es wenig, die Landesgrenzen zu schliessen, wie Präsident Hollande angekündigt hat: Der Feind ist schon da.

Auf der linken Seine-Seite, in den touristischen Literatenquartieren Quartier Latin und Saint-Germain des Prés, sind auch nur wenige Leute unterwegs. Vor dem Jardin du Luxembourg, diesem Hort des Friedens im brandenden Pariser Verkehr, stehen italienische Touristen vor den geschlossenen Pforten und fragen den alten Geigenspieler daneben: «perché?», warum. Die ausländischen Besucher wollen verstehen, aber es gibt nichts zu verstehen.

Hauptstädter betrachten daneben die Freiluftausstellung zum Thema Bienen, aber sie sprechen nur von Terrorismus. Ein Buschauffeur wartet daneben – worauf, weiss er auch nicht. Er frage sich nun jedes Mal, wenn einer mit einer langen Tasche in den Bus steige, ob er Alarm schlagen solle. Und fragt: «Wissen Sie, wie lange eine Kalaschnikow ist?» Der Angesprochene interessiert sich eher für die Frage, auf wen es die Attentäter abgesehen hätten. «Die hatten Leute im Visier, die sich amüsieren», meint er mit Verweis auf die Ausgeh-Reputation des 10. und 11. Arrondissements zwischen Kanal Saint-Marin und Bastille. Junge Bobos und Bonvivants, progressiv und tolerant, nicht antiislamisch, aber das Gegenteil religiöser Asketen. «Dazu passten, wie er meint, die Explosionen beim Stade de France, dem grössten und schon vom Namen her symbolischsten Sport- und Konzerttempel von Paris.

Der Buschauffeur glaubt indes, dass die Anschläge eher an die ebenfalls im 11. Bezirk gelegenen Charlie-Attentate von Januar anknüpfen sollten. Ach ja, «Charlie Hebdo». In der Allée Verte, wo die halbe Redaktion eines Satiremagazins ausgelöscht worden war, herrscht an diesem Samstag absolute Stille. Sogar die wachhabenden Polizisten sind verschwunden – sie werden wohl anderswo gebraucht. Die Karawane des Terrors ist weitergezogen, ihre immer breitere, immer schrecklichere Blutspur nach sich ziehend.

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