VON CHRISTOF MOSER UND YVES CARPY

Dominik (23), IT-Spezialist aus dem Zürcher Seefeld, hat die Nase gestrichen voll. «Ich träume bald von Baggern», sagt er – und will die Flucht ergreifen: «Normalerweise verbringe ich die Sommerferien in Zürich, aber dieses Jahr halte ich es nicht aus. Es ist zu laut, zu dreckig; es wird zu viel gebaut.» Seine Vermutung: «Dahinter steckt wohl ein gigantisches Konjunkturprogramm.»

Ähnliche Gedanken hat, wer in diesen Tagen in der Schweiz unterwegs ist, wer zum Beispiel die Ferien hier verbringt: Eine Baustelle reiht sich an die nächste. Allein an der Bahnstrecke zwischen Bern und Zürich lassen sich 55 Baustellen zählen. Und auf der Strecke Biel–Zürich zieht auf der Höhe der Stadt Olten drei Minuten lang ein gigantischer Bauplatz am Zugfenster vorbei – bei Tempo 120, wohlgemerkt. Dort entsteht der neue Stadtteil Olten Südwest. Gesamtbaufläche: 14 Hektaren.

Mit den Konjunkturprogrammen gegen die Wirtschaftskrise hat der Bauboom aber wenig zu tun. In der Schweiz werden im laufenden Jahr rund 18 Milliarden Franken verbaut – zählt man Innenausbauten und Sanierungen mit dazu, sind es 51 Milliarden Franken. «Das entspricht dem durchschnittlichen Bauvolumen der letzten Jahre», sagt Alfonso Tedeschi, Leiter Wirtschaftspolitik beim Baumeisterverband. Der Anteil von Konjunkturprogrammen am Gesamtbauvolumen beträgt nur 675 Millionen Franken.

Auch die Stadt Zürich baut nicht für die Konjunktur. «Die meisten Projekte sind seit langem geplant. In den Quartieren ist die Bautätigkeit vor allem deshalb gross, weil Bauprojekte wegen der Euro 08 auf dieses Jahr verschoben worden sind», heisst es im Hochbaudepartement. Beziffern kann das Bauvolumen in der Stadt Zürich derzeit niemand, sagen lässt sich aber, dass sich der Anteil von Konjunkturprogrammen «im einstelligen Prozentbereich bewegt».

Der Bauboom, der für die Wirtschaft positiv ist, hat auch seine Schattenseiten. Pro Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Kulturland verbaut – und nicht weniger als 60 000 Hektaren Land warten derzeit im ganzen Land noch auf Bauherren. Das deutsche Wochenblatt «Die Zeit» titelte letzte Woche angesichts dieser rasanten Bautätigkeit: «Die Zerstörung der Schweiz».

Gegen die fortschreitende Verbauung regt sich deshalb jetzt politischer Widerstand. 2007 hat Helvetia Nostra, eine Stiftung des Umweltschützers Franz Weber, zwei Initiativen eingereicht: «Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen» und «Gegen den Bau von umwelt- und landschaftsbelastenden Anlagen».

Mehr Chancen hat die im letzten Jahr eingereichte Initiative «Raum für Mensch und Natur». Dahinter stehen die SP, Umwelt- und Heimatschutzorganisationen. Ziel ist, die Gesamtfläche der Bauzonen in den nächsten 20 Jahren auf dem heutigen Stand einzufrieren.