Gegen das liebe Vieh hatte sich schon vor dem Sommer so ziemlich alles verschworen. Der Milchpreis war auf einem sehr tiefen Stand. Der starke Franken hatte mitgeholfen, ihn nach unten zu drücken. Hingegen lagen die Preise für Rindfleisch nach diversen Fleischskandalen hoch. Da sah sich mancher Milchbauer von den Marktkräften gedrängt, seine Kühe dem Metzger zu überlassen.

Der Hitzesommer 2015 schlug sich in den landwirtschaftlichen Statistiken deutlich nieder. Im Juni, gemäss Meteo Schweiz der viertwärmste Juni seit 1864, ging es los. Rund 10 Prozent – etwa 1000 Kühe mehr – mussten auf die Schlachtbank als im Vorjahresmonat, wie Hans Rüssli festgestellt hat. Rüssli, Marktspezialist der «Bauernzeitung», wertet für seinen monatlichen «Marktkommentar» eine Fülle von Daten aus.

Im Juli versandte Meteo Schweiz zeitweise täglich Hitzewarnungen. Marktspezialist Rüssli stellte in seinen Daten eine noch kräftigere Zunahme fest. Es wurden rund 12 Prozent mehr Kühe geschlachtet als im Vorjahresmonat. In Zahlen waren es rund 1400 Kühe mehr. Insgesamt, kommentiert Rüssli, sei in den Monaten Juni und Juli ein markanter Anstieg des Schlachtviehs zu beobachten gewesen. Total 2400 Kühe.

Die Hitze machte den Kühen über einen Umweg noch mehr zu schaffen. «Es wuchs deutlich weniger Gras auf den Wiesen», sagt Datenspezialist Rüssli. Oder das Gras sei gar nicht mehr gewachsen und verdorrt. «Viele Kühe bekamen daher weniger frisches Gras. Sie mussten mehr trockenes Heu fressen, das allerdings weniger Nährstoffe hat.» Dieser Nahrungswechsel habe ebenfalls dazu geführt, so Rüssli, dass die Kühe diesen Sommer weniger Milch hergaben als in den kälteren Vorjahren.

Auch dieses Futter-Dilemma war für viele Kühe tödlich. Milchwirtschaft rentierte den Sommer über noch weniger als sonst schon. Zumal das Futter durch die Hitze teurer wurde. Die Bauern hatten einen finanziellen Grund mehr, eine Kuh dem Metzger zu überlassen, statt sie teures Heu fressen zu lassen.

Gerade moderne Betriebe kamen in den Hitzemonaten an den Anschlag. Landwirtschafts-Experte Bruno Durgiai von der Berner Fachhochschule erklärt: «Auf solchen Betrieben liefert jede Kuh jährlich 8000 Kilo Milch. Das sind enorme Leistungen, die Kühe regelrechte Spitzensportler.» Diese horrende Quantität aufrechtzuerhalten, verlange Bauer und Tieren ohnehin sehr viel ab.

Dieses wacklige Gleichgewicht drohte in den heissen Sommermonaten verloren zu gehen. «Ist es draussen 30 Grad warm, müssen die Kühe enorm viel Energie aufwenden, um sich selber zu kühlen», erklärt Durgiai. Einige Bauern hätten darum nach dem Rekordsommer 2003 bereits für künftige Hitzewellen vorgesorgt. «Manche haben für die Kühe Ventilatoren und sogar Duschen in ihren Ställen installiert.»

Bauern, die sich solch Systeme nicht leisten wollten, hatten zu kämpfen. Werner Locher, Milchbauer in Bonstetten ZH, erzählt aus der Branche: «Es gab mehr Tiere mit Krankheiten, Entzündungen im Euter etwa.» Dem Bauern bleibe oftmals nichts anderes übrig, als die Kühe zum Metzger zu bringen. «Tierärzte sind bei den aktuellen Milchpreisen zu teuer.» Nach einer Behandlung mit Antibiotika müsse man zudem die Milch zehn Tage lang wegwerfen.

Und das ist der einfachere Fall. «Ins Schwitzen kommen die Bauern, wenn sie die kranken Kühe gar nicht erst erkennen.» Dann könne es sein, dass die Milch von kranken Tieren mit der restlichen produzierten Menge vermischt werde. «Das merkt der Bauer erst, wenn er bei der Kontrolle durchfällt.»

Dann werde pro Kilo Milch ein Rappen abgezogen. Und nochmals ein Rappen bei der nächsten missglückten Probe. «Nach dem fünften Male gibt es eine Sperre und die Milch wird nicht mehr vom Hof abgeholt.» Es seien wohl einige Bauern durch die Sommerhitze 2015 arg in Bedrängnis geraten.

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