Der Krebs schien überwunden, nachdem vor einem Jahr eine Tumor-Operation erfolgreich verlaufen war. Doch vor wenigen Wochen musste Norbert Neininger erneut behandelt werden. Dann ging alles sehr schnell. Gestern starb er im Alter von erst 64 Jahren.

Mit ihm verstummt eine journalistische Stimme, die weit über den Kanton Schaffhausen hinaus gehört wurde, wo Neininger Verleger der wichtigsten Medien war: Der «Schaffhauser Nachrichten» (die er auch als Chefredaktor leitete), des Radios Munot und des Schaffhauser Fernsehens. Neininger, verheiratet und Vater einer Tochter, machte im Jahr 1992 im Abstimmungskampf um den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) landesweit auf sich aufmerksam. Seine «Schaffhauser Nachrichten» empfahlen den EWR-Beitritt zur Ablehnung, während sich sonst fast die gesamte Presse für ein Ja einsetzte. Neininger schrieb schon von Unabhängigkeit und Souveränität, als Roger Köppel und Markus Somm noch das machten, was sie heute als «linken Mainstream-Journalismus» bezeichnen.

Dem Schaffhauser wurde oft unterstellt, er sei ein «Vasall Blochers». Darüber lachte Neininger bloss und betonte, er und seine Zeitung seien unabhängig von Blocher, anders etwa als die «Basler Zeitung», an welcher der SVP-Politiker beteiligt ist. Dennoch, Neininger war fasziniert von Blocher, dessen Vater Pfarrer in der Gemeinde Dachsen am Rheinfall war. 2007 erfand der Verleger «Teleblocher», das «erste Internet-Fernsehen der Schweiz», wie er es nannte.

Dieses wöchentliche TV-Format, bei dem der Schaffhauser Matthias Ackeret den SVP-Tribun interviewt, war typisch für Neiningers Experimentierlust. Er war politisch konservativ, unternehmerisch aber immer veränderungsfreudig. Als ich ihn einst zu einer Blattkritik der «Schweiz am Sonntag» einlud, hatte er ein iPad dabei – das war zu einem Zeitpunkt, als dieses in der Schweiz noch gar nicht erhältlich war. Er war einer der ersten Journalisten, die Twitter entdeckten; jeden Sonntagabend kommentierte er bissig und witzig den TV-Krimi «Tatort». Seine letzte Kurzkritik schrieb er am 3. Mai: «Kinder als Opfer/Täter mag ich nicht. Durchgedrehte Ermittler auch nicht. Einer von zehn Punkten.»

Unabhängigkeit prägte auch Neiningers Wirken als Verleger. Er widerstand allen Kaufofferten der grossen Verlage. Ex-Tamedia-Chef Martin Kall sagte einmal: «Im Namen Neininger steckt halt das Wort Nein.» Bis heute sind die «Schaffhauser Nachrichten», auch dank der Organisation als Stiftung, unabhängig, während reihum Regionalzeitungen starben oder fusionierten.

In erster Linie verstand sich Neininger immer als Journalist. In der Kolumne «Vordergässli» kommentierte er Woche für Woche die Aktualität – oft auch internationale Themen. Neininger reiste viel und engagierte sich für Israel. Seine Kolumne fiel in 21 Jahren niemals aus.

In den Journalismus kam Neininger über den Sport. Als leidenschaftlicher Töfffahrer begann er, über Motorradrennen zu schreiben und reiste dafür bald rund um die Welt. Er gehörte zu den ersten Absolventen der Ringier-Journalistenschule. Wegen des Schreibens brach er sein Mathematik-Studium ab, was er im Nachhinein bereute. Darum zwang er als Chefredaktor Redaktoren, die nebenbei studierten, konsequent zum Abschluss. Es kam sogar vor, dass er sie dabei finanziell unterstützte.

Neininger war ein unkonventioneller Kopf, in jeder Hinsicht. Er wird dem Schweizer Journalismus fehlen.

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