VON CLAUDIA MARINKA

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind nur die Spitze des Eisbergs: Ein Viertel aller Straftaten gegen die sexuelle Integrität betreffen Kinder. Im vergangenen Jahr hat das Bundesamt für Statistik 1526 Straftaten erfasst. Das heisst: So viele Straftaten hat die Polizei bearbeitet. Jeden Tag werden in der Schweiz also drei Straftaten von sexuellen Übergriffen auf Kinder rapportiert. Die Hintergründe der einzelnen Fälle sind nicht Teil der Statistik.

Ein Drittel der Geschädigten waren zum Zeitpunkt der Tat unter 10 Jahre. Zwei Drittel zwischen 10 und 15 Jahre. Am häufigsten gaben die Opfer als Täter für die sexuellen Übergriffe Bekannte/Nachbarn und Kollegen/Freunde an. Danach folgten Familienmitglieder und den Opfern unbekannte Personen. Die Altersstruktur der beschuldigten Personen zeigt, dass 63 Prozent der beschuldigten Personen über 25-jährig waren, 19 Prozent zwischen 18 und 25 Jahre alt und 18 Prozent der Täter noch minderjährig.

Mindestens jedes fünfte Mädchen und jeder zehnte Bub wird Opfer sexueller Übergriffe. «Jede Statistik zeigt nur einen Bruchteil der Realität. Sexueller Missbrauch an Kindern ist ein riesiges Problem. Die Dunkelziffer ist enorm hoch», sagt Regula Schwager, Psychologin auf der Beratungsstelle Castagna für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche, welche jährlich rund 1000 Jugendliche berät. «Wir haben vermehrt Anfragen von Opfern, die in der katholischen Kirche missbraucht worden sind. Im Zuge der öffentlichen Diskussion melden sich auch mehr Opfer generell», sagt sie.

Die aktuelle Statistik der Kantonspolizei zeigt im vergangenen Jahr eine Zunahme von 37,5 Prozent der Straftaten von sexuellen Handlungen mit Kindern. «Die massive Zunahme der Anzeigen im Kanton Zürich zeigt, dass sich mehr Opfer für diesen Schritt entschieden haben. Das ist eine gute Entwicklung», meint Schwager. Die hohe Zahl der Missbrauchsfälle beschäftigt auch die Kinderspitäler. «Bei uns waren bei den gemeldeten Fällen die sexuellen Übergriffe immer häufig», sagt Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe am Universitäts-Kinderspital Zürich. «Im vergangenen Jahr waren fast die Hälfte aller 251 von uns betreuten Mädchen Opfer von sexueller Ausbeutung. Bei den Knaben dominierte die körperliche Misshandlung – in 67 von 168 Fällen.»

Die Fälle von sexuellem Missbrauch hätten laut Kinderschutzexperten in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen, sondern seien konstant hoch geblieben. «Es wird mehr publik gemacht und häufiger Anzeige erstattet», sagt Markus Wopmann von der interdisziplinären Kinderschutzgruppe im Kantonsspital Baden. Sein Team behandelte im vergangenen Jahr 20 Fälle (+ 4). Davon erstattete die Hälfte Anzeige.

Das sind relativ viele. Bernadette Zurkinden von der Fachstelle Lantana, der Opferhilfe bei sexueller Gewalt, meint: «Eine Anzeige hat oft keine grosse Chance für eine Verurteilung. Ein Sexualdelikt nachzuweisen, ist oft schwierig; oft steht Aussage gegen Aussage.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!