Der Druckbehälter aus Stahl war 18,2 Meter lang und 167 Tonnen schwer. Angefertigt hatte ihn die John Thompson Ltd. in Wolverhampton. Als er im Dezember 1965 einem Wasserdruck-Test unterzogen wurde, explodierte er. Vier grosse Teile des Behälters brachen weg, ein Zwei-Tonnen-Fragment wurde 46 Meter weit geschleudert. Der Fall fand Eingang in Wissenschaftspublikationen.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) machte den Thompson-Druckbehälter in der Umweltkommission (Urek) des Nationalrats vom 6. Oktober 2015 zu einer Art Warnzeichen für den Reaktordruckbehälter von Beznau I. Zwar ist der zerbrochene Thompson-Behälter nur ein chemischer Behälter zur Umwandlung von Ammoniak. Aber auch er musste Wärme und Druck aushalten wie der Reaktordruckbehälter von Beznau. Bei ihm kommt noch die Bestrahlung hinzu.

Vier Quellen bestätigen, dass das Ensi bei einer Präsentation zu den Problemen um Beznau I das Bild der Explosion von 1965 zeigte. Damit sei klar geworden, sagen Beteiligte, dass der Stahl eines Druckbehälters mit fortgeschrittener Versprödung oder Alterung seine Elastizität verliere. Unter zusätzlichem Druck dehne er sich nicht mehr aus, sondern drohe zu brechen.

Dass das Ensi dieses Bild vorführte, ist delikat. Im Sommer 2015 war bekannt geworden: Im Reaktordruckbehälter von Beznau I sind gegen 1000 Risse oder Unregelmässigkeiten vorhanden – je nach Sprachregelung. Mit einem Durchmesser von rund einem halben Zentimeter. Im Fall des britischen Druckbehälters war die Explosion durch einen fünf Millimeter kleinen Schweiss-Riss verursacht worden. Das Ensi selbst will «keine Stellung nehmen zu Kommissionssitzungen», wie Sprecher David Suchet sagt. Er hält aber fest: «Die Eigenschaften des Reaktordruckbehälters müssen stimmen, wenn es zu einem Störfall kommt. Bricht der Reaktordruckbehälter, ist das ein schwerer Unfall.» Der Sicherheitsnachweis zu Beznau I sei «noch nicht» erfolgt. «Das Ensi wird die Freigabe, Beznau I wieder aufzuschalten, nur erteilen, wenn die Sicherheit gewährleistet ist.»

Recherchen zeigen, dass das Komitee Ja zum Atom-Ausstieg demnächst ein Video veröffentlicht, in dem das Bild zu sehen ist. Konfrontiert damit, bestätigt das Bastien Girod, grüner Nationalrat und Mitglied des Initiativkomitees. Zur Frage, ob das Bild in der Urek gezeigt wurde, will er sich aber nicht äussern. Er habe es «im Internet gefunden». Girod kritisiert, dass das Parlament die Sicherheitsmarge ablehnte, die das Ensi explizit verlangt hatte. «Diese Sicherheitsmarge hätte auch für die Sprödheitsgrenze der Reaktordruckbehälter gegolten», sagt er. «Damit wäre das Risiko reduziert worden, dass er explodiert.»

Bei der Axpo selbst war man wenig erfreut über das «effekthascherische Bild», welches das Ensi präsentiert habe, wie ein Insider sagt. Um das zu verhindern, was auf dem Bild zu sehen ist, seien zwei Fragen entscheidend: Sind die Unregelmässigkeiten betriebs- oder herkunftsbedingt? Und haben sie Auswirkungen auf den Stahl? Es habe sich klar gezeigt, dass die Auffälligkeiten herstellungsbedingt seien, sagt der Insider. Die Axpo liess eigens eine Replika des betroffenen Ringes bei Le Creusot herstellen. Bei jener Schmiede, die schon 1965 den Druckbehälter hergestellt hatte. Dabei hätten sich praktisch identische Einschlüsse gebildet, schreibt die Axpo in einer Mitteilung.

Um die Frage zu beantworten, wie der Stahl auf Belastungen reagiert, fehlen der Axpo noch die bruchmechanischen Analysen – mit Wärme- und Kältetests. Die Axpo ist zuversichtlich, dass sie den «Safety Case», den Sicherheitsnachweis, für das Wiederanfahren der Anlage erbringen kann.

Einiges deutet darauf hin, dass die Axpo ihn noch vor der Abstimmung über den Atomausstieg vom 27. November beim Ensi einreicht. Die Axpo hofft, Beznau I Ende Jahr wieder in Betrieb nehmen zu können.

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