Etwa 500 Kinder fahrender Jenischer besuchen die Schule nur im Winterhalbjahr. Im Sommer sind sie mit ihren Familien auf Reisen. Von März bis Ende Oktober müssen sich diese Kinder den Schulstoff weitgehend ohne pädagogische Unterstützung aneignen. Damit sind Probleme verbunden: «Viele jenische Kinder verlieren den Anschluss an die Klasse», sagt Venanz Nobel. Er ist Geschäftsführer der Cooperation Jenische Kultur, die von der vom Bund subventionierten Radgenossenschaft der Landstrasse gegründet wurde. Eine gesamtschweizerische Regelung, wie die jenischen Kinder im Sommer den Schulstoff aufarbeiten, gibt es nicht. Das regelt die zuständige Schulbehörde.

Eine, die sich der Verbesserung der Schulbildung für fahrende Kinder verschrieben hat, ist Ursula Spillmann, Mitarbeiterin der Cooperation Jenische Kultur. Spillmann ist eines der «Kinder der Landstrasse», als Baby wurde sie ihrer Familie weggenommen. Erst als junge Erwachsene erfuhr sie von ihren jenischen Wurzeln. «Bis dahin hatte ich keine Ahnung von den Jenischen. Meine gute Bildung hat es mir ermöglicht, mir mittels Bücher Wissen über meine Kultur anzueignen», sagt Spillmann. «Ohne Bildung ist ein Leben in der Schweiz schwierig – gerade Fahrende werden es ohne gute Grundausbildung beim Hausieren und im Umgang mit Behörden schwierig haben.» Erwachsene Fahrende mit dem Bildungsstand eines Viertklässlers seien keine Ausnahme – das müsse sich ändern.

Jetzt ist eine schweizweite Verbesserung in Sicht. «Im August 2015 soll das von der Cooperation Jenische Kultur erarbeitete Projekt ‹Lernen auf Reisen› starten», sagt Spillmann. Damit sollen jenische Kinder eine so gute Grundbildung erhalten, dass ihnen nach den obligatorischen neun Schuljahren zumindest die Wahlmöglichkeit einer Lehre freisteht. Ermöglicht werden müsse dies, ohne dass die Eltern ihre halbnomadische Kultur aufgeben müssen.

Laut Geschäftsführer Nobel soll den Kindern ein konstanter und persönlicher Kontakt zu den Lehrern ermöglicht werden. Spillmann ergänzt: «Mit den modernen, ortsunabhängigen Medien und via E-Learning kann viel verbessert werden.» Wichtig sei aber auch eine persönliche Betreuung direkt auf den Plätzen. Hierfür sollen für das Projekt zusätzlich Lehrer eingestellt werden. Wie viele, ist zurzeit noch offen. «Die Lehrer werden direkt auf den Stellplätzen mehrere Kinder unterschiedlichen Alters unterrichten. Sie müssen dabei das Wissen vom Kindergarten bis zum 9. Schuljahr abdecken können«, sagt Spillmann. Damit das reibungslos funktioniert, werden Vereinbarungen zwischen den einzelnen Familien und den zuständigen Schulbehörden getroffen. Ausserdem soll für die Eltern eine Telefon-Hotline in Betrieb genommen werden, die bei Fragen jederzeit kompetent weiterhilft.

Geeignete Lehrmittel für Jenische sind gemäss Spillmann ebenfalls essenziell. «Hier streben wir eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) an», sagt die Berufsschullehrerin Gesundheitswesen. Bernhard Schär, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Pädagogischen Hochschule der FHNW, sagt dazu: «Wir stehen mit Frau Spillmann im Austausch und dem Projekt sehr wohlwollend gegenüber. Es ist uns generell ein Anliegen, dass die Geschichte dieser Minderheit, die immer ein Teil der Schweiz war, in den Schulen mehr Raum bekommt.» Gegenwärtig sei man dabei, entsprechende Lehrmaterialien für den Unterricht zu entwickeln. Das Thema Jenische und Schule ist durch die Verfolgung durch Pro Juventute, die Jenischen die Kinder wegnahm, historisch belastet. Einige Jenische stehen jeder Beschulung skeptisch gegenüber. Sie sehen diese als Versuch des Staates, ihnen die Lebensweise der Sesshaften aufzuzwingen. Die meisten Jenischen aber sind laut Spillmann sehr offen für das Projekt.

«In der föderalistischen Schweiz ist ein solches Projekt ein Novum und eine riesige Herausforderung», sagt Nobel. «Lernen auf Reisen» soll vorerst für ein Jahr in zwei Kantonen starten. Welche das seien, sei noch nicht kommunizierbar. «Für die Pilotphase und deren Auswertung haben wir ein Budget von 120 000 Franken. Die Hälfte der Finanzierung steht», sagt Spillmann. Danach soll das Projekt unbefristet und schweizweit weitergeführt werden.

Mit an Bord ist auch die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). «Am vergangenen Dienstag habe ich mich mit Vertretern des Generalsekretariats der EDK getroffen und ihnen mein Projekt präsentiert. Die EDK hat sich dem Projekt gegenüber sehr offen geäussert», sagt Spillmann. EDK-Sprecherin Gabriela Fuchs bestätigt: «Das Generalsekretariat der EDK hat grundsätzlich seine Unterstützung für ein solches Vorhaben signalisiert.»

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