Die junge Frau zieht ihren Jupe ein paar Zentimeter hoch und lässt ihn fallen. Der Stoff springt wie ein Gummiball hoch und runter. «Ich liebe es, wie er tanzt», sagt Danit Peleg. Die israelische Modedesignerin hat das Kleidungsstück nicht etwa genäht, sondern mit einem 3-D-Printer ausgedruckt.

Dazu hat sie einen Apparat für den Heimgebrauch verwendet, der unter 2000 Franken zu haben ist. Das Problem einer solchen Maschine: Sie arbeitet langsam. Für ihre fünfteilige 3-D-Kollektion druckte sie insgesamt 1500 Stunden. Als Kunstprojekt sind die Kleider eine Augenweide, eine ökonomisch praktikable Lösung ist der 3-Drucker für Modedesigner aber nicht. Noch immer nicht.

Dabei war doch vor drei Jahren, als der Hype um den 3-D-Drucker seinen Höhepunkt erreichte, die Rede von einer neuen industriellen Revolution. Der «Aufstand der Masse gegen die Massenproduktion» wurde heraufbeschworen. In Zukunft würden wir unsere Möbel, unser Essen, ja unser Ferienhaus auf dem Mars einfach ausdrucken, glaubten Enthusiasten. Die Designer und Bastler – die sogenannten «Makers» – sahen keine Grenzen.

Heute sind die Zeiten der Träumerei vorbei; der 3-D-Drucker wird erwachsen. Der Elektronikkonzern HP bringt eine Maschine auf den Markt, die zwar keine Häuser auf dem Mars drucken, aber dem 3-D-Printer zum Durchbruch verhelfen kann. «Unser Drucker wird die Branche umkrempeln», sagt Alex Monino, der bei HP für den 3-D-Druckbereich mitverantwortlich zeichnet. Der Multi Jet Fusion, so der Name des Geräts, werde zehnmal schneller sein als derzeitige industrielle Modelle und dabei die Druckkosten um die Hälfte halbieren.

Eine Welt aus Voxel
Mit HPs neuem Drucker wird die Schwelle, ab der es sich lohnt, Serien auszudrucken und nicht mittels herkömmlichen Verfahren zu fertigen, deutlich sinken. Mit einem Preis von 130 000 Dollar richtet sich die Maschine nicht an Hobbybastler, sondern an Industriebetriebe. Die Revolution wird also, so ist zu vermuten, nicht in der Garage der Makers stattfinden, sondern in den Produktionsstätten der Unternehmen. Auch Danit Peleg liebäugelt nun damit, ihre Kleider doch noch auf den Markt zu bringen. Statt zu Hause könnten sie in einem 3-D-Copyshop gedruckt werden – und zwar so, dass sie genau den Massen des Kunden entsprechen. Kein Stück wird genau gleich sein.

Auch Nike sieht Potenzial. Der Sportartikelhersteller wollte nicht warten, bis der HP Multjet Fusion Ende Oktober auf den Markt kommt, sondern experimentiert schon jetzt mit der Maschine. Das Ziel: Schuhe, die exakt an die Füsse eines Athleten angepasst sind. Denn kein Fuss ist gleich wie der andere, warum sollte das dann bei Schuhen anders sein?

Eines der ersten Anwendungsfelder, in denen 3-D-Drucker bald unverzichtbar werden könnten, dürfte aber nicht die Mode, sondern die Medizin sein. «Prothesen, aber auch Schienen und Stützen müssen exakt auf die Anatomie des Patienten angepasst werden. Das geht mit einem 3-D-Drucker hervorragend», sagt Jiri Rosicky, Chef des tschechischen Gesundheitsunternehmens Invent Medical. Seine Firma testet den neuen HP-Drucker bereits und zeigt sich mit Qualität und Tempo sehr zufrieden.

Für das Design am Computer werden in der Regel MRI- oder CT-Daten genutzt, die das Spital für die Behandlung des Patienten ohnehin schon erfasst hat. Das fertige Computermodell wird teils in Zusammenarbeit mit dem Patienten erstellt und dann an einen 3-D-Drucker geschickt. Die Übermittlung der digitalen Daten kann natürlich übers Internet erfolgen. So lassen sich Gegenstände als Bits um die Welt schicken – irgendwohin zu einem 3-D-Drucker, der sie in physische Moleküle umwandeln kann. Die digitalen Pixel werden dann zu sogenannten Voxeln, zu dreidimensionalen Bildpunkten, aus denen sich der ganze Druck aufbaut.

Der HP Multi Jet Fusion arbeitet mit Voxeln von 0,02 Millimeter Grösse. Jeder Druck ist also aus Millionen von kleinen Würfeln zusammengesetzt, deren Kantenlänge kürzer ist als die Breite eines Haares. Pro Sekunden werden 340 Millionen solcher Voxel gedruckt. So werden komplexe Formen möglich, die sich mit anderen Verfahren nicht erzeugen liessen – und zwar immer mit einer Präzision von 0,02 Millimetern.

Mode wird digital
Derzeit kann der HP-Drucker lediglich einen schwarzen Polyamid-Kunststoff verarbeiten, doch an anderen Materialien wird geforscht. HP verfolgt bei der Entwicklung und Einführung neuer Materialien einen sogenannten Open-Source-Ansatz. Das heisst, jeder kann Druck-Pulver herstellen, von HP zertifizieren lassen und verkaufen. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen flüssige Chemikalien verfügbar sein, die den Druck in verschiedenen Farben ermöglichen – und zwar so, dass jeder Voxel einzeln gefärbt werden kann. Irgendwann soll es auch möglich sein, elektronische Bauteile wie etwa ein Bluetooth-Funkmodul direkt mit den Gegenständen mitzudrucken.
Egal ob ein Kleidungsstück, ein Möbel oder ein Automotor, alles lässt sich theoretisch Voxel für Voxel aufbauen. Der 3-D-Druck ist die Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Welt: Was digital designt wurde, lässt sich in die analoge Welt überführen. «Es gab eine Zeit, in der Musik etwas sehr Physisches war und im Plattenladen gekauft werden musste», sagt die Modedesignerin Danit Peleg. «Heute ist die Musik etwas Digitales, und ich wünsche mir eine Welt, in der die Mode genauso digital ist.» Entwerfen und speichern liessen sich die Kleider digital, und wann immer man sie braucht, könnte man sie ausdrucken – so einfach, wie man Musik im Netz abrufen und über Lautsprecher abspielen kann.

Und auch HP hat grosse Visionen für die Zukunft: In einem Werbevideo wird eine Welt gezeigt, die ohne Lagerhäuser auskommt – weil alle Gegenstände immer erst auf Bestellung individuell gedruckt werden. Da sind sie doch wieder, die Träumereien, zu denen uns der 3-D-Drucker verführt.

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