Das grösste Polizeikorps des Landes macht sich für den Luftkampf bereit. Der Einsatz und die Abwehr von Drohnen gehören zu einem Schwerpunkt, den sich die Kantonspolizei Zürich für dieses Jahr gegeben hat. So steht es in einer Präsentation zu den Zielen 2017 der Ordnungshüter. Die Zürcher sind nicht allein: Verschiedene Polizeikorps tüfteln zurzeit an Taktiken und Einsatzmitteln, mit denen die intelligenten kleinen Flugroboter vom Himmel geholt werden können. Denn die Gefahr aus der Luft wird immer präsenter.

Bereits Erfahrungen mit der Drohnenabwehr hat die Kantonspolizei Graubünden gesammelt. Fotos der Nachrichtenagentur Bloomberg zeigen Polizisten, die während des am Freitag zu Ende gegangenen World Economic Forum (WEF) in Davos an einem sogenannten Jammer der deutschen Firma H. P. Marketing & Consulting Wüst operieren. Dieser Störsender blockiert mit elektronischen Impulsen die Signalübertragung von Drohnen auf eine Entfernung von über 200 Meter. So kann verhindert werden, dass Drohnen Fotos von Polizei- und Sicherheitseinrichtungen übertragen – oder im schlimmsten Fall für eine Attacke genutzt werden. Zudem ist es möglich, die Fernsteuerung einer Drohne zu blockieren, sodass sie am Himmel stehenbleibt und von der Polizei kontrolliert auf den Boden gebracht werden kann. «Entscheidend» sei die Strategie zur Drohnenabwehr am WEF gewesen, sagt Anita Senti, Sprecherin der Kantonspolizei Graubünden. Wie sie genau aussehe, sage man aber nicht.

Polizeichefs wollen Abwehrtipps
Das Thema wird für die Polizeikorps immer wichtiger. Vor knapp drei Jahren gründete die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) die «Arbeitsgruppe Drohnen» und beauftragte sie mit der Erarbeitung einer Vorstudie. In der Zwischenzeit wurden die fliegenden Multifunktionsgeräte in rasanten Tempo immer ausgeklügelter, beliebter und günstiger. «Aufgrund der Wichtigkeit des Themas» wurden deshalb Experten unter der Leitung von Kapo-Graubünden-Kommandant Walter Schlegel mit der Erarbeitung von Empfehlungen für alle Polizeikorps der Schweiz beauftragt, wie Anita Senti von der Kantonspolizei Graubünden sagt. Sie sollen zeigen, welche technischen Möglichkeiten im Bereich der Drohnenerkennung und -abwehr zur Verfügung stehen, aber auch, wie die Polizei Drohnen selbst als Einsatzmittel nutzen kann. Im Lauf dieses Jahres sollen erste Erkenntnisse vorliegen.

«Taktische Einsätze» geplant
Eigene Drohnen besitzen zurzeit etwa die Stadtpolizei Zürich, die Kantonspolizei St. Gallen, die Kantonspolizei Bern und – zu Testzwecken – die Kantonspolizei Basel-Stadt. Die meisten Korps setzen die Drohnen für die Dokumentation von Schadenplätzen oder Vermessungsarbeiten ein. Dabei muss es nicht bleiben. Man könne sich in Zukunft auch «taktische Einsätze» vorstellen, für welche heute ein Helikopter zum Einsatz komme, sagt Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Sein Korps erarbeitet zurzeit eine Strategie zur Drohnenabwehr. Momentan würden rechtliche Aspekte geprüft und der Kontakt mit grösseren in- und ausländischen Polizeistellen gesucht, sagt Krüsi. Ähnlich verfährt die Polizei in Basel-Stadt.

Weiter ist das zweitgrösste Polizeikorps des Landes, die Kantonspolizei Bern. «Um dem heutigen technischen Stand entsprechend gegen Drohnen gewappnet zu sein, haben wir aktuell Mittel in Prüfung», heisst es. Aus taktischen Gründen gebe man keine weiteren Details bekannt. Beim drittgrössten Korps, der Stadtpolizei Zürich wiederum, werden die Überlegungen und Strategien der anderen Korps intensiv verfolgt, wie Sprecher Marco Cortesi sagt. Allzu gefährliche Vorfälle mit Drohnen waren in Zürich bisher allerdings nicht zu verzeichnen. Für Aufsehen sorgte ein privater Drohnenbesitzer, welcher während eines Rolling-Stones-Konzerts im Stadion Letzigrund Luftaufnahmen machte. Die Stadtpolizei holte die Drohne vom Himmel, der Betreiber kassierte eine Urheberrechtsklage. Auch das Onlineportal Watson geriet kurzfristig ins Visier der Stadtpolizei, weil es während der Fussball-Weltmeisterschaft mit einer Drohne die jubelnde Fangemeinschaft fotografiert hatte. Auch das könne gefährlich sein, sagt Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi: Dann nämlich, wenn die Drohne einen Defekt haben sollte und vom Himmel fällt – unfreiwillig allerdings.

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