Fast zwei Jahre ist es her, seit am Shishapangma in Tibet eine Lawine zwei Profi-Alpinisten in den Tod riss. Martin Maier, Ingenieur und Bergsteiger, hat das Unglück schwer verletzt überlebt. Nun spricht er in der deutschen Zeitschrift «Bergsteiger» erstmals über das Unglück. Vor allem übt er gegenüber den anderen Überlebenden, dem Münchner Benedikt Böhm und dem Schweizer Ueli Steck, Kritik. Der happigste Vorwurf: Die beiden hätten aus falschem Stolz keine zusätzlichen Retter aufgeboten.

Es ist der 24. September 2014 morgens um sieben Uhr. Bis zu den Hüften sinken die Extrembergsteiger der «Double 8»-Expedition mit den Skis in den Schnee ein. Das Team um Benedikt Böhm, Sebastian Haag, Andrea Zambaldi und Martin Maier ist in der Nordflanke des Shishapangma auf 7900 Meter über Meer, kurz vor dem Gipfel. Noch 100 Höhenmeter fehlen. Ihr Ziel: Sie wollen einen Weltrekord aufstellen und den Shishapangma (8027 Meter) und den Cho Oyu (8201 Meter) in je 24 Stunden mit den Ski besteigen und die 170 Kilometer lange Strecke zwischen den Gipfeln mit dem Bike zurücklegen.

Der ganze Rekordversuch ist medial gross aufgezogen. So ist ein griechisches Kamerateam und eine Journalistin von «Servus TV» mit dabei. Zudem begleitet «Spiegel online» die «Double 8»-Expedition mit einer aufwendig gestalteten Präsentation. Auf einer interaktiven Grafik können die Leser die GPS-Position der Bergsteiger verfolgen, dazu gibt es Status-Meldungen. Beispielsweise zum ersten Versuch: Bei minus 30 Grad suchte das «Double 8»-Team seine Spur. Doch die Anstrengung war so gross, dass Böhms Körper reagierte: blutiger Auswurf, erhöhter Lungendruck. «Wir haben gekämpft wie die Löwen», wird Böhm zitiert, «aber die Nummer war zu heftig.»

Zum zweiten Versuch schreibt «Spiegel online»: Diesmal muss es klappen. Böhm zeigt sich trotz dem vielen Neuschnee zuversichtlich und schätzt die Chancen auf einen Gipfelerfolg auf 50 Prozent. Ein Grund für Böhms Optimismus dürfte Ueli Steck, einer der besten Alpinisten, sein. Im Basislager ist das «Double 8»-Team per Zufall auf den Schweizer gestossen. Steck ist mit seiner Frau ferienhalber in Tibet. «Als mich Böhm fragte, ob ich sie beim Aufstieg zum Shishapangma unterstützen würde, willigte ich ein», rekapituliert Steck für die «Schweiz am Sonntag» die Geschehnisse. Seine Frau bleibt wegen des vielen Neuschnees im Camp zurück. «Die Situation war heikel. Das wusste jeder.» Trotzdem brechen die fünf Männer auf.

Expeditionsleiter Benedikt Böhm spurt. Hinter ihm geht Maier und mit etwas Abstand folgen Haag, Steck sowie Zambaldi. Das Ziel ist zum Greifen nah. Doch als die Gruppe eine Kuppe am Nordgrat traversiert, löst sich eine Lawine. Fast der ganze Hang bewegt sich. Die Schneemassen reissen Maier, Haag und Zambaldi über steile Gletscher und Felsen 600 Höhenmeter in die Tiefe. Böhm und Steck haben Glück. Sie bleiben verschont. Sofort steigen die beiden ab.

Über mehrere Stunden versuchen die beiden von verschiedenen Seiten, in die Lawinenzone zu gelangen. «Wir haben gesehen, dass da jemand lag», erzählte Böhm gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Doch immer wieder grollen «Wumm»-Geräusche über den Hang. Ein Zeichen, dass die Schneedecke noch unter Spannung steht und sich jederzeit eine weitere Lawine lösen könnte. Die beiden Überlebenden entscheiden: Die Lawinengefahr ist zu gross und das Queren des Hangs zu riskant. Böhm und Steck sind zu dem Zeitpunkt über 20 Stunden in der Todeszone unterwegs. Sie funken ins Basislager, dass sie zum Lager II gehen. «Ich wusste, dass dies die schwierigste Entscheidung meines Lebens ist, die mich ein Leben lang verfolgen wird», sagt Böhm.

Wie durch ein Wunder überlebt
Sechs Stunden nach dem Unglück entdecken andere Alpinisten im Basislager, dass sich ein Punkt auf dem Lawinenkegel bewegt. Dieser Punkt ist Martin Maier. Er lebt! Das kommt einem Wunder gleich. Maier hat nach Stunden wieder das Bewusstsein erlangt und kriecht schwer verletzt Richtung Lager III. Sherpa Novu steigt vom Basislager auf und erreicht Maier am nächsten Morgen. Gemeinsam steigen sie ins Lager II ab. Dort versorgt ein spanischer Arzt Maier medizinisch. Er hat ein schweres Schädel-Hirntrauma, verletzte Bänder, Gelenkkapseln und Knochen.

Heute ist Maiers Körper wieder fast genesen. Nicht so seine Seele. Der Unfall nagt an ihm. Im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag» sagt er, Böhm und Steck hätten ihn zu früh aufgegeben, als er bewusstlos im Schnee lag. Sie hätten zusätzliche Hilfe anfordern müssen, anstatt alleine zu entscheiden, dass die Lawinengefahr zu gross sei. Zudem wirft Maier seinem Teamkollegen Böhm vor, dass die Vermarktung des Rekordversuchs auf der gesamten Expedition einen so grossen Raum eingenommen hat. «Teilweise ging es nur darum, an welchen Plätzen wieder ein Video gemacht wird.» Nicht der Alpinismus, sondern das Ansehen der «Double 8»-Mitglieder sei im Vordergrund gestanden. Diese Pflege des Helden-Images ging so weit, dass Böhm später in den Medien Tatsachen verdreht habe. «Böhm hat lange behauptet, er habe nie gespurt, um Fragen der Schuld erst gar nicht aufkommen zu lassen», sagt Maier.

«Böhm wollte es allen zeigen»
Ueli Steck sagt zu den Vorwürfen von Maier: «Im Nachhinein ist es immer einfach, die Lawinensituation zu analysieren.» Der Fehler sei denn auch nicht bei der Rettungsaktion passiert. «Der Fehler war, dass wir bei dieser Schneesituation überhaupt aufgestiegen sind.» Deshalb hinterfragt er rückblickend den Aufstieg am 24. September 2014: «In den Alpen wären wir bei einer solchen Lawinensituation nicht losgegangen.» Doch im Himalaja sei die Gefahr gross, wegen des Geldes, das im Spiel sei, anders zu entscheiden. Das gebe ihm zu denken.

Mit dem Fall vertraut ist auch Michael Ruhland, Chefredaktor des Magazins «Bergsteiger». Er sieht es ähnlich wie Steck. «Beim zweiten Versuch sind die fünf Männer ein zu grosses Risiko eingegangen», sagt Ruhland. «Andere Alpinisten hätten es bei so hoher Lawinengefahr nach dem ersten Versuch bleiben lassen.» Doch insbesondere Böhm sei von grossem Ehrgeiz getrieben gewesen. Als Teamleiter habe er den Rekord holen wollen. «Die permanente mediale Begleitung der Expedition hat ihn wohl zusätzlich angestachelt.» Den grössten Druck habe er sich wohl aber selber gemacht. «Er wollte es trotz Lawinengefahr allen zeigen.»

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