Jedes dritte Kind kommt inzwischen per Kaiserschnitt zur Welt. Im Jahr 2011 waren es gemäss neuen Zahlen des Bundesamtes für Statistik 33,3 Prozent von landesweit 79 712 Geburten. Somit ist die Zahl der Kaiserschnitt-Entbindungen in von fünfzehn Jahren um fast 70 Prozent gestiegen.

«Diese Entwicklung ist besorgniserregend», sagt Claudia König. Die Soziologin leitet seit vier Jahren die Hebammenforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW). Für König ist klar: «Die Hälfte der Kaiserschnittgeburten wäre vermeidbar.»

Die Forscherin ortet daher ein massives Sparpotenzial. «Mehr als 20 Millionen Franken kosten die nicht notwendigen Operationen in der Schweiz.» Sie stützt ihre Aussagen unter anderem auf Forschungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Heute fehlt allzu oft ein medizinischer Grund. «Hatte eine Frau bei der ersten Geburt eine Operation, wird meist auch beim zweiten Mal operiert und bei Zwillingsgeburten oder Steisslage raten Ärzte der Mutter oft von vornherein von einer vaginalen Geburt ab.» Deshalb schlägt König vor, dass sich einzelne Spitäler auf risikoreichere Geburten spezialisieren sollten.

Klare Regeln, wann ein Kaiserschnitt angemessen ist, gibt es in der Schweiz nicht. Die Unterschiede sind von Region zu Region sehr gross. Am meisten Kinder werden in kleineren Spitälern per Operation zur Welt gebracht. Am höchsten ist die Kaiserschnittrate mit 43,1 Prozent im wohlhabenden Kanton Zug. Am tiefsten ist die Rate im Jura mit 19,4 Prozent. «Die grossen regionalen Unterschiede weisen darauf hin, dass der Spielraum bei einem Entscheid für oder gegen einen Kaiserschnitt sehr unterschiedlich wahrgenommen wird», sagt König.

In anderen europäischen Ländern mit vergleichbarem Gesundheitssystem liegen die Kaiserschnittgeburten deutlich tiefer: beispielsweise in Finnland mit 25,9 Prozent oder in Schweden mit 17,2 Prozent. Für König ist klar: «Höheres Alter der Mütter oder vermehrte Mehrlingsschwangerschaften erklären die stetige Zunahme nicht.»

Gynäkologen erachteten die Zunahme der Kaiserschnitte bisher als unproblematisch. Doch es scheint ein Umdenken einzusetzen. «Viele Privatkliniken in der Schweiz haben eine extrem hohe Kaiserschnittrate, die sich nicht durch medizinische Gründe erklären lässt», sagt Daniel Surbek von der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Denn gemäss Surbek wünschen lediglich fünf Prozent der Frauen einen Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund.

Deshalb hat die Gesellschaft beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) angeregt, einen Analysebericht zu erstellen. Gestützt darauf wollen die Gynäkologen Richtlinien erarbeiten. «Das wäre eine Hilfe für alle Kollegen, die Kaiserschnitte durchführen.» Der Druck auf die Ärzte steigt. «Haftungsfälle, bei denen Vorwürfe laut werden, warum kein oder erst spät ein Kaiserschnitt gemacht wurde, nehmen zu.»

Derweil will der Schweizerische Hebammenverband Anfang 2013 mit einer neuen Broschüre Frauen bei der Geburtswahl helfen. «Mehr Zurückhaltung bei Kaiserschnitten kann nur erreicht werden, wenn Mütter und Ärzte Chancen und Risiken der Geburtsarten diskutieren», sagt Geschäftsführerin Doris Güttinger.

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