Heute Morgen verziehen Millionen Schweizer das Gesicht. In der Nacht wurden die Uhren um eine Stunde nach vorn gestellt. Sommerzeit. Fünf Bauern aus dem Zürcher Oberland haben beim Zmorge trotzdem ein Lächeln im Gesicht. Denn sie verbindet die Gewissheit: «An uns liegt es nicht.» Ruedi Wettstein, Peter Meister, Ueli Kamm und die Brüder Erich und Walter Feurer bodigten einst die Sommerzeit an der Urne. Nach einem scheinbar aussichtslosen Referendumskampf sagte das Stimmvolk am 28. Mai 1978 mit 52,1 Prozent Nein zum damaligen Zeitgesetz. Der Volksentscheid sollte schon bald umgangen werden.

Der Kampf begann an einem Donnerstagabend im Sommer 1977 an einer Probe eines Theatervereins, dem die fünf Jungbauern angehörten. Statt zu proben, diskutierten sie über die eben vom Parlament beschlossene Einführung der Sommerzeit. Ruedi Wettstein erinnert sich: «Wir befürchteten, dass die Proben im Sommer ausfallen müssen.» Die Zeitumstellung bringe den Arbeitsrhythmus der Bauern durcheinander. Die Sonne erreiche später ihren Höchststand, weshalb das Heu am Abend erst nach dem Melken eingeholt werden könne. Dann, wenn die Theaterprobe ist.

Die fünf Freunde wandten sich an den Bauernverband. Dieser liess sie im Stich. Also begannen sie auf eigene Faust Unterschriften zu sammeln. Unterstützung von Parteien blieb aus. Dank dem Netzwerk der Milchsammelstellen erreichte das Komitee aber Bauern im ganzen Land; sie unterschrieben fleissig. «Statt zu proben war der Theaterverein mit dem Öffnen von Couverts beschäftigt», erinnert sich Ueli Kamm. Es waren viele . Statt der damals nötigen 30 000 kamen innerhalb von drei Monaten mehr als 80 000 Unterschriften zusammen. Und die jungen Theaterbauern wussten sich zu inszenieren. In Trachten beziehungsweise als Kuh verkleidet zogen sie durch Bern zur Bundeskanzlei, um die Unterschriftenbögen einzureichen. Am Abend sahen sie die Bilder in der «Tagesschau». Im Abstimmungskampf hielten sich die Zürcher Oberländer zurück. Geld für eine Kampagne hatte sie kaum. Zu Hilfe kam ihnen ein auch heute noch bekanntes Phänomen: Zwar befürworteten alle Parteien die Einführung der Sommerzeit, doch wollten sich nur wenige für eine Anpassung an Europa exponieren, wie Historiker Jun Sarbach in seiner Lizenziatsarbeit darlegt. Die CVP hielt sich zudem zurück, weil Parteikollege und Nationalrat Albert Rüttimann sich dem Referendumskomitee angeschlossen hatte.

Das Volks-nein machte die Schweiz 1980 zur Zeitinsel. Denn im gleichen Jahr führten Deutschland und Österreich die Sommerzeit ein. In Italien und Frankreich galt sie schon seit den 60er-Jahren. Ziel war, Licht und damit Strom zu sparen. «Der Starrsinn kostet sie Millionen», ätzte der «Spiegel» 1980 über die Schweiz und berichtete von Zügen, die aus Österreich kommend in Buchs eine Stunde warten mussten, um den Fahrplan auch nach Schweizer Spezialzeit einzuhalten. Es sollte schliesslich der einzige Sommer als Zeitinsel bleiben.

Schnell nahm der Bundesrat einen neuen Anlauf, die Sommerzeit einzuführen. Die Umsetzung des Gesetzes wurde vom Nationalrat dann um ein Jahr verzögert – auch aus Angst vor einem erneuten Referendum. Diesmal verzichteten die Sommerzeit-Rebellen aus dem Zürcher Oberland auf Widerstand. «Wir haben getan, was wir konnten», sagt Walter Feurer. Die Zeitumstellung am 6. April 1981 gilt seither als Beweis, dass die in Bern sowieso machen, was sie wollen. Der Theaterverein widmete sich wieder dem Proben. Bauer Wettstein und seine Mitstreiter sind auch heute noch gegen die Sommerzeit. Bestätigt fühlen sie sich von Schulen, die später mit dem Unterricht beginnen und Studien, die zeigen, dass kaum Strom gespart wird. Das Experiment Zeitinsel würden sie noch mal wagen. Sie argumentieren international: In Amerika gäbe es schliesslich auch verschiedene Zeitzonen.

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