Der Däne Anders Fogh Rasmussen (63) führte bis 2014 das mächtigste Militärbündnis der Welt. Nach der US-Wahl sieht der ehemalige NatoGeneralsekretär neue Gefahren auf das Bündnis zukommen. Er fürchtet, dass Donald Trump seine Drohung wahr macht und Nato-Mitgliedern nicht mehr zu Hilfe eilt. Damit führe Trump den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Versuchung, die baltischen Staaten zu attackieren. Rasmussen warnt vor dem Anfang des Endes der Nato – und nimmt Angela Merkel in die Pflicht.

Herr Rasmussen, Donald Trump hat angekündigt, das Engagement der USA in der Nato deutlich zu verringern. Verlieren Sie ihren mächtigsten Verbündeten?
Anders Fogh Rasmussen: Seine Aussagen während der Kampagne haben mich beunruhigt. Er hat Zweifel am Commitment der USA gesät. Sollte der Wahlkämpfer Trump tatsächlich der gleiche sein wie der Präsident Trump, würde das unser Bündnis substanziell schwächen.

Wird es so weit kommen?
Hoffentlich nicht. Ich glaube, dass er als Präsident anders handeln wird. Er wird verstehen, dass der Angriff auf ein Nato-Mitglied ein Angriff auf uns alle ist. Trump wird die Nato-Staaten verteidigen.

Wie können Sie sich da sicher sein?
Kann ich nicht, aber ich bin zuversichtlich. Entscheidend ist, nun so bald wie möglich – am besten gleich nach seiner Vereidigung – ein Gipfeltreffen aller Nato-Partner inklusive der USA einzuberufen. Wir müssen jeden Zweifel beseitigen und als Einheit auftreten.

Macht Trump die Welt gefährlicher?
Das hängt von seiner Aussenpolitik ab. Die Welt steht in Flammen. Wohin wir auch blicken, sehen wir Kriege, Aufstände, fliehende Menschen. Im Irak, in Libyen, in Syrien. Durch die Annexion der Krim herrscht auch in Europa eine instabile Situation, und China lässt gerade im Pazifik die Muskeln spielen. Eine aussergewöhnliche Konstellation. Das liegt auch daran, dass Obama sehr zurückhaltend war.

War nicht vielmehr der von Ihnen unterstützte Irak-Krieg 2003 Ursprung des syrischen Bürgerkriegs, des IS und der Flüchtlingskrise?
Das sehe ich anders. Der Irak-Krieg war nicht der entscheidende Faktor. Im Irak war es 2011 mehr oder weniger ruhig und die Situation stabil. Erst nachdem die amerikanischen Truppen abgezogen wurden, begannen die Probleme.

Jetzt reden Sie sich heraus. Es war klar, dass die USA den Irak wieder verlassen müssen.
Natürlich, und ich verstehe den Schritt durchaus. Die irakische Regierung wollte den Amerikanern nicht mehr die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zugestehen. Das ist aber nur die eine Seite. Obama hatte bereits in seinem Wahlkampf versprochen, den Irak schnellstmöglich zu verlassen. Die Entscheidung für einen Abzug kam dann gezwungenermassen zu früh.

Ist das Zeitalter der Amerikaner als Weltpolizist mit Trump endgültig vorbei?
Das ist eines der grossen Risiken. Trump kommt aus der Ecke der Isolationisten, die sich hauptsächlich auf innenpolitische Belange fokussieren wollen. Wenn die Vereinigten Staaten keine Konflikte mehr durch ihre Präsenz verhindern können oder kein Interesse mehr daran haben, ist das besorgniserregend. Die USA würden ein Vakuum hinterlassen, das von den Bösen, den Bad Guys, gefüllt wird. Das kann nicht im Interesse der Vereinigten Staaten sein. Wenn Trump also seine Doktrin «America First» durchziehen will, wird er bald erkennen, dass er sich weltweit engagieren muss.

Wie wird Putin auf die neue, nach innen gerichtete Politik der USA reagieren?
Russland ist besessen davon, seine frühere Macht wiederherzustellen. Putin will das Territorium rund um die baltischen Staaten zurückerobern. Wenn Trump nicht deutlich macht, dass dies keine Option ist, dann weiss ich nicht, was passieren wird. Wenn die Russen ein NatoMitglied angreifen und die USA nichts tun, wäre das der Anfang vom Ende der Nato. Aber ich bin wie gesagt überzeugt, dass Donald Trump das Bündnis nicht im Stich lässt.

Allerdings spricht Trump bewundernd über Putin. Er sei ein fähiger und starker Anführer.
Trump wird dieselben Lehren ziehen, die schon Präsident Obama gezogen hat. Wenn Sie sich zurückerinnern, kündigte Obama nach seiner Wahl an, den «Reset-Knopf» zu drücken. Er wollte das Verhältnis zu Russland verbessern. Jetzt, da er abtritt, erkennt Obama, dass sich Putin nicht geändert hat.

Wäre es nun an der Zeit, dass Europa eine Führungsrolle übernimmt?
Natürlich, die Europäer müssen ebenfalls ihre Schlüsse aus den Ereignissen der vergangenen Jahre ziehen. Die einzelnen Staaten sollen ihre nationalen Rüstungsausgaben erhöhen. Und Angela Merkel, ja ganz Deutschland, muss nun Führungsstärke demonstrieren.

Gilt das auch für die Schweiz, selbst wenn sie nicht Teil der Nato ist?
Ich weiss, dass diese Debatte bei Ihnen sehr kontrovers geführt wird, deshalb halte ich mich mit einer Empfehlung zu den Verteidigungsausgaben zurück. Allerdings ist das Schicksal der Schweiz eng mit Europa verknüpft. Und damit mit der Stärke der Nato. Alle Europäer müssen in die eigene Sicherheit investieren.

Würden Sie einen Beitritt der Schweiz zur Nato begrüssen?
Sicher, das Land erfüllt alle Kriterien, die Schweiz könnten wir sofort aufnehmen. Aber das dürfte kaum der Fall sein. Die Schweiz ist als Ort internationaler Verhandlungen sehr wichtig. Wer der Nato beitritt, spricht sich für die Allianz aus. Dieses Land kann sich nicht mehr auf die Neutralität berufen.

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