Über die Arbeitsmoral von Studenten kursiert ein Witz: «Was war Jesus von Beruf?» «Student! Er wohnte mit 30 noch bei den Eltern, hatte lange Haare, und wenn er etwas tat, dann war es ein Wunder.»

Doch dieses Bild ist falsch: Dreiviertel aller Studenten haben heute einen festen Nebenjob – zum Beispiel als Nachhilfelehrer, Kellner oder Kassierer. Vollzeit-Studenten sind selten. Deshalb hat der nationale Studierendenverband (VSS) nun reagiert. Er fordert, dass alle Studiengänge künftig in Teilzeit absolviert werden können. Das soll für sämtliche Universitäten und Fachrichtungen gelten. Darauf einigten sich die Delegierten an ihrer letzten Versammlung in Basel. Der Beschluss wird in den kommenden Wochen allen Hochschulen vorgelegt.

«Viele Studierende sind auf einen Nebenjob angewiesen», sagt Gabriela Lüthi, Mitglied der VSS-Geschäftsleitung. Es dürfe nicht sein, dass einige ihr Studium abbrechen oder gar nicht erst beginnen, nur weil sie erwerbstätig seien. «Die Chancengleichheit ist gefährdet, wenn die finanziellen Mittel der Eltern massgeblich für ein Studium werden», sagt Lüthi. «Viele müssen ihre Studienwahl limitieren.» Möglichst wenige Präsenzpflichten oder eigens geschaffene Teilzeit-Angebote sollen Abhilfe schaffen.

An der ETH undenkbar
Zwar ist es heute in vielen Fachrichtungen wie beispielsweise den Geistes- und Sozialwissenschaften möglich, ein Studium in Teilzeit zu absolvieren. Es gibt aber auch andere Fälle. Wer Medizin studiert, hat wegen der Präsenzpflicht keine Zeit für einen Job. Auch an der ETH Zürich, die laut Rankings zu den besten 10 Universitäten der Welt zählt, gibt es kaum Teilzeit-Studenten. Das ist gewollt: «Ein Studium an der ETH fordert in der Regel volle Präsenz und lässt nur begrenzt Raum für andere Tätigkeiten», sagt Sprecherin Claudia Naegeli. «Das Studium soll möglichst kompakt absolviert werden.» Ein Anspruch, den Elite-Universitäten weltweit pflegen.

Leicht wird das Vorhaben des VSS nicht. Noch immer würden einige Professoren Unverständnis gegenüber Nicht-Vollzeit-Studenten äussern, hält der Verband fest. Die Umstellung aufs Bologna-System hatte damals auch den gewünschten Nebeneffekt, die Langzeitstudenten der Liz-Generation loszuwerden. «Die Hochschulen wollen, dass Studierende heute möglichst schnell abschliessen», sagt Lüthi. Die positiven Effekte wie Erfahrung in der Berufswelt würden dabei zu wenig berücksichtigt.

Diskriminierende Limite
Der Beschluss des Studierendenverbands ist auch eine Reaktion auf die gescheiterte Stipendieninitiative von 2015. Sie sah einheitliche Regeln in allen Kantonen und einen minimalen Lebensstandard für Studenten vor. Noch immer ist der VSS unzufrieden mit dem «ungenügenden» Stipendiensystem. Gerade das Zürcher Gesetz sei ein negatives Beispiel, hält der Verband in seiner Resolution fest, weil über 25-Jährige per se weniger erhalten. Die Alterslimite sei diskriminierend. Nun soll das Teilzeit-Studium zumindest die Chance auf einen Nebenjob geben.

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz, weist darauf hin, dass ein Teilzeit-Studium heute meistens möglich ist. Wenn das nicht der Fall ist – wie in der Humanmedizin wegen des Numerus clausus –, sieht er andere Lösungsansätze: «Weil die Medizinstudierenden später in der Regel deutlich mehr verdienen, wäre in diesem Fall ein Kredit für die Studiums-Finanzierung ökonomisch sinnvoller als ein Nebenjob plus Teilzeit-Studium», sagt er. Aktuell sieht Hengartner deshalb keinen Handlungsbedarf, will nun aber die Eingabe des VSS abwarten.

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