Die albanische Flagge schmückt den Saal, schwarzer Doppeladler auf rotem Grund. Über eine Leinwand flimmern Bilder von Ibrahim Rugova, dem verstorbenen Präsidenten von Kosovo. Es ist Anfang Mai in einem Restaurant in Glattbrugg, unweit des Zürcher Flughafens. An den Tischen sitzen Dutzende Mitglieder und Sympathisanten der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK), die hier ihr 25-jähriges Bestehen in der Schweiz feiert. Mitten drin: Béatrice Wertli, Generalsekretärin der CVP. Sie schüttelt Hände, lässt sich fotografieren – und überbringt Glückwünsche ihrer Partei.

Wie niemand sonst bemühen sich die Christlichdemokraten in diesem Wahljahr um die Kosovaren, eine der grössten Ausländergruppen in der Schweiz. Rund 100 000 leben im Land, Zehntausende haben sich bereits einbürgern lassen. Viele haben in der LDK, die in Kosovo den Premierminister stellt, eine politische Heimat gefunden – und sehen in der CVP eine Schwesterpartei.

Die Zuneigung stösst im Wahljahr auf Gegenliebe: Im März empfing Parteipräsident Christophe Darbellay Vertreter der LDK im Bundeshaus. Es sei Zeit für alle Albaner in der Schweiz, sich am politischen Leben zu beteiligen, sagte er dort laut der Online-Zeitung «Lajm Press». Bei der CVP fänden sie «offene Türen».

Und es blieb nicht beim symbolischen Akt. Die CVP lud die eingebürgerten Kosovo-Albaner ein, auf ihren Listen für die eidgenössischen Wahlen zu kandidieren. Mit Erfolg: Mindestens elf Kandidierende mit kosovarischen Wurzeln treten im Herbst auf verschiedenen CVP-Listen an. Unter ihnen die 22-jährige Heil- und Behindertenpädagogin Herolinda Rexhepi, die im Kanton Solothurn für die Junge CVP antritt, oder der Verkaufsleiter Lulzim Maliqi (35) aus Zürich.

Für die CVP spielt es dabei keine Rolle, dass viele Kosovaren einen muslimischen und nicht etwa einen christlichen Hintergrund haben, den die Partei bei anderen Gelegenheiten gerne hervorhebt. Von einer Partnerschaft zwischen CVP und LDK mag Generalsekretärin Wertli auf Anfrage nicht sprechen. Lieber erwähnt sie die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Volkspartei und vergleicht die Beziehung zur LDK mit dem Kontakt zu anderen Vereinigungen. «Wir freuen uns über alle Personen, die sich für die CVP engagieren wollen und sogar als Kandidaten antreten.»

Weniger zurückhaltend ist man bei der Schweizer Sektion der LDK. Auf ihrer Website präsentieren die Neo-CVPler aus Kosovo stolz Selfies mit Bundesrätin Leuthard und Parteipräsident Darbellay, die am Rand von Parteianlässen entstanden. Haki Latifi, Präsident des Schweizer LDK-Ablegers, ist seit diesem Jahr auch CVP-Mitglied. Über die Allianz der Parteien sagt er: «Es ist eine Win-Win-Beziehung. Wir dürfen auf der Liste der CVP kandidieren und die CVP profitiert von unserem Potenzial.» Die Zusammenarbeit zwischen seiner Partei und der CVP gehe über die Wahlen hinaus.

Die CVP ist nicht die einzige Partei, die in den kommenden Wahlen auf Schweizer mit ausländischem Hintergrund setzt – bei den Wählern, aber auch bei den Kandidaten. Die SP gründete bereits 2012 eine Migranten-Gruppe mit dem Ziel, eine bessere Vertretung der Schweizer mit ausländischen Wurzeln auf den Wahllisten zu erreichen. Viele von ihnen haben sich auf kantonaler Ebene längst etabliert. Etwa Mohamed Hamdaoui, Bieler Stadtrat und Berner Grossrat, oder der Basler Grossrat Mustafa Atici, der auch Präsident der Gruppe SP-Migranten ist. Er zieht eine durchzogene Bilanz: «Es ist ein grosser Fortschritt, dass wir nun bei der SP knapp 30 Prozent Kandidaten haben, die auch einen ausländischen Pass haben. Doch darunter sind noch zu wenige Leute, die auch im Alltag mit Ausländern und Integrationsfragen konfrontiert sind.»

Dass die SP bei den Migranten viel Zuspruch findet, zeigt eine Studie des Politologen Oliver Strijbis, der anhand der Parlamentswahlen 2011 erstmals nachwies, wie Schweizer mit ausländischen Wurzeln wählen. Die SP schnitt dabei als stärkste Partei ab. Längst finden sich aber auch bei bürgerlichen Parteien Kandidaten mit Migrationshintergrund. Im Kanton Zürich hat etwa die BDP die türkischstämmige Nagihan Kesat nominiert, die sich selbst als konservativ und traditionalistisch bezeichnet. Auch in den Reihen der Grünen und der Grünliberalen finden sich viele Politiker mit ausländischen Wurzeln, wie ein Vergleich der Listen zeigt. Eher dünn gesät sind sie bei der FDP und bei der SVP.

viele dieser Kandidaten sind auf den Wahllisten weit hinten. Daran stören sich manche. Der frühere EVP-Politiker Blerim Bunjaku, der ebenfalls Wurzeln in Kosovo hat, kritisierte gegenüber der Zeitung «20 Minuten», dass seine Landsleute als «Stimmenlieferanten» benutzt würden. Auch SP-Politiker Atici, der selber intakte Chancen auf einen Sitz im Nationalrat hat, warnt vor «Alibiübungen». Die Parteien müssten im Wahlkampf auch inhaltlich über Migrationsthemen sprechen. «Wenn die Parteien ausländischstämmige Kandidaten bloss als Stimmenlieferanten betrachten, werden sich diese frustriert von der Politik abwenden.»

Zufrieden mit seinem hinteren Listenplatz ist Lulzim Maliqi, der von Listenplatz 29 aus ins Rennen geht. «Die anderen Kandidaten mussten sich ihre Position auch erst erarbeiten. Wir Kosovaren stellen uns hinten an.»

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