Der EU-Funktionär zog ab, einen Abfallsack mit den symbolischen Schulden Griechenlands über der Schulter. Überreicht hatten ihm das Paket die Demonstranten, ihre Rufe hatte er noch im Ohr. Von «Meuchelmord» hatten sie gesprochen, «geteert und gefedert» wollten sie die Technokraten von Brüssel sehen. Die Gruppe von Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Grünen, die am Donnerstag vor der EU-Botschaft in Bern stand, wollte Solidarität mit Griechenland zeigen – es dominierten bittere Töne.

Es ist etwas in die Brüche gegangen in diesen Tagen. In einer Volksabstimmung entscheiden die Griechen heute über den künftigen Kurs in der Schuldenkrise – und damit über die Zukunft Europas. Der Kampf zwischen der Syriza-Regierung in Athen und ihren Geldgebern bietet in der Schweiz die Bühne für ein anderes, für das Land womöglich entscheidendes Stück: Deutlich wie nie kritisiert die hiesige Linke die EU. Sie tut es in einer Schärfe, die Fragen aufwirft. Verändert sich gerade das Verhältnis der Linken zu Europa? Und was heisst das für die Beziehung der Schweiz zur EU?

Wer diese Woche mit Vertretern der SP und den Grünen sprach, bekam Erstaunliches zu hören. Von der «Demütigung» der Griechen war die Rede, von «Erniedrigung» auch. Gesichtslose, unlegitimierte Technokraten aus Brüssel betrieben eine neoliberale «Steuervogtpolitik», um Griechenland «in Abhängigkeit zu halten», wie der Grünen-Politiker Jo Lang sagte. Die EU als Kolonialmacht? «Schluss mit dem Imperialismus der EU!», rief ein anderer Grüner, der Tessiner Sergio Savoia. Es ist eine Debatte, die in einem europäischen Kontext spielt: Von Lissabon bis Helsinki, von London bis Budapest klingen viele Linke wie die Europagegner der Rechten.

«Die griechische Krise hat gezeigt, dass die EU zu stark von den Eliten geprägt ist», sagt SP-Nationalrat Carlo Sommaruga. «Sie ist zu sehr von oben organisiert. Das muss sich ändern: mit einem stärkeren, demokratischeren und sozialeren Europa.» Auf den letzten Satz legt Sommaruga viel Wert. Er weiss, dass es nur diese Worte sind, die seine EU-Kritik von jener seiner politischen Gegner unterscheiden. Natürlich verfolgen Linke und Rechte mit ihrer Kritik an Europa ganz unterschiedliche Ziele – doch in manchen Punkten überschneidet sich die Diagnose. Die EU, wie sie sich aktuell präsentiert, ist für viele Linke ein Feindbild geworden.

Die Kritik fällt in ein Wahljahr, in dem die SP eigentlich nicht über Europa sprechen wollte. Doch anders als bei früheren Gelegenheiten erhalten die Dissidenten diesmal öffentliche Unterstützung von ihrem Parteipräsidenten. «Wirtschaftspolitisch haben die Kritiker recht», sagt Christian Levrat. Das Vorgehen der Troika sei eine «Katastrophe».

Neu ist die linke Wut auf Europa nicht. Die immer häufigeren Meldungen von Flüchtlingen, die auf dem Mittelmeer den Tod finden, verstärkten zuletzt einen Unmut über die europäische Migrationspolitik, der schon länger vorhanden ist. Mit jedem gesunkenen Flüchtlingsboot wächst der Zorn über die «Festung Europa», die «Abschottungspolitik» der EU und ihre Grenzschutzbehörde Frontex.

Aufmerksam verfolgen viele Sozialdemokraten und Grüne auch die laufenden Verhandlungen der EU über transatlantische Freihandelsabkommen. Der Tenor: Die geplanten Liberalisierungen seien ein Beleg dafür, dass Brüssel nicht im Interesse der Arbeitnehmer und Konsumenten handle, sondern im Auftrag der Konzerne und Lobbyisten. In anderen europäischen Ländern kommt eine weitere Kritik hinzu: Kräfte wie die Linkspartei in Deutschland werfen der EU vor, im Ukraine-Konflikt als «Kriegstreiberin» aufzutreten. Bei den gewählten Linken in der Schweiz findet die Position kein Gehör. Doch an der Basis gibt es diese Stimmen durchaus.

Die Regierung in Athen habe eine Debatte angestossen, sagt Carlo Sommaruga. «Es geht darum, welchem Modell Europa folgen soll: Stehen die Banken im Zentrum? Oder sind es die Menschen?» Jetzt gebe es plötzlich einen Raum für die Linke, Fehlentwicklungen in Europa offen zu kritisieren. Doch mit welchen Folgen?

Voraussichtlich im Herbst 2016, wenn die nächste europapolitische Volksabstimmung ansteht, entscheidet die Schweiz über ihre Beziehung zur EU. Das Bild, das die Schweizer von der Union haben, spielt dann eine wichtige Rolle. Und genau das macht manchen in der Linken Sorgen. Wie glaubwürdig wirkt sie, wenn sie sich dann wieder uneingeschränkt hinter die teils ebenfalls als «neoliberal» verschriene Personenfreizügigkeit stellt?

Diese Frage stellt sich auch SP-Nationalrat Eric Nussbaumer. Die Staatsschuldenkrise sei ein Spezialkapitel, das auch als solches behandelt werden sollte. «Es ist wenig hilfreich, deswegen stark vereinfachend die ganze EU als neoliberales Konstrukt abzutun. Damit wird eine europakritische Haltung stimuliert, von der nur das rechte Lager profitiert. Ich halte das für eine weitere Verirrung der radikalen Linken.» Auch andere in der Partei befürchten in der Schweiz eine «Schwächung der pro-europäischen Position», wie es ein altgedienter SP-Mann sagt.

Die aktuellen Kritiker halten dagegen. Ja, das pro-europäische Lager leide unter der Krise, aber aus einem anderen Grund. «Die von Deutschland erzwungene Griechenland-Politik gibt doch allen EU-Gegnern recht: Sie ist undemokratisch und unsozial», sagt SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Der Vorwurf, den man uns machen kann, ist deshalb viel eher, dass wir zu spät in diese Debatte einsteigen.» Dann sagt er einen Satz, den diese Woche fast alle Sozialdemokraten wie ein Mantra vortragen: Man kämpfe nicht gegen die Union an sich, sondern gegen ihre von den Mitgliedstaaten geprägte Politik.

Offen bleibt, ob diese Unterscheidung verstanden wird. Notwendig sei es, sagt SP-Nationalrat Andreas Gross. «Man fördert das Ansehen der EU nicht, wenn man ihr einfach schmeichelt und die Augen verschliesst vor den enormen Fehlkonstruktionen, die sie sich leistet.» Der SP müsse es gelingen, Kritik an der EU mit der Einsicht zu verbinden, dass sie «unverzichtbar» sei.

Es gibt für eine Partei einfachere Unterfangen. Ihr Präsident Christian Levrat weiss das. Man müsse bei allem bedenken: «Griechenland wäre ausserhalb der EU längst zahlungsunfähig. Die EU versucht, dem Land zu helfen.» In seinem deutschen Parteikollegen Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments, sieht Levrat die Verkörperung dieses guten Willens. Am 12. September nimmt Schulz, laut Levrat «einer der wenigen Austeritätskritiker» auf einem EU-Spitzenposten, in der Schweiz an einem Wahlkampftreffen der SP teil. Die Einladung versteht man in der Parteizentrale als politisches Signal.

Ganz reibungsfrei dürfte der Anlass nicht verlaufen. Auf Twitter schrieb die SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer am Freitag an Schulz: «Werter Genosse, hast du tatsächlich Tsipras bei einem Ja zum Referendum zum Rücktritt aufgefordert?» Eine Antwort erhielt sie nicht.

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