Spezialisten mit Spürhunden hatten das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) nach Sprengstoff durchsucht. Zivile Fahnder sassen im Publikum. Und auf den Dächern hatten sich Scharfschützen in Stellung gebracht. Sie waren so installiert, dass sie «das Auge vor Ort» waren, aber auch jeden allfälligen Attentäter in nur 30 Sekunden kampfunfähig machen konnten.

Das geschah am Donnerstag vor einer Woche am Swiss Media Forum. Am Freitag kam es zu einer sehr weitgehenden Massnahme: Das KKL wurde geschlossen, die Veranstaltung musste aus Sicherheitsgründen auf ein Schiff verlegt werden. Das Forum ist von Patrik Müller gegründet worden, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag».

Es waren drei Faktoren, die im Zusammenspiel für diesen aussergewöhnlichen Schritt der Luzerner Polizei gesorgt haben. Das zeigen Recherchen. Erstens waren Jørn Mikkelsen, Chefredaktor der «Jyllands-Posten», und Bassem Youssef, ägyptischer TV-Satiriker, als Redner vorgesehen. Beide gelten als international stark gefährdet. Mikkelsen hatte Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, Youssef sich mit Ex-Präsident Mubarak und den Muslimbrüdern angelegt. Zweitens hielt sich alles, was in der Medienszene Rang und Namen hat, in Luzern auf. Ein Anschlag auf das KKL hätte medial einen gewaltigen Multiplikationseffekt gehabt. Entscheidend war aber der dritte Punkt: Am Donnerstag lagen nachrichtendienstliche Hinweise vor, dass sich Leute mit IS-Hintergrund und entsprechendem Gefahrenpotenzial in der Deutschschweiz aufhielten.

Die Verlegung des Forums zeigt: Die Schweiz ist in den letzten Wochen verstärkt in den Fokus von Islamisten gerückt. Das bestätigt, indirekt, selbst Verteidigungsminister Ueli Maurer. «Wir sind etwas beunruhigt», hielt er als Gast am Swiss Media Forum fest, «weil wir in den letzten Wochen da und dort Hinweise gefunden haben, in denen die Schweiz auch auf den Rand des Radars gerückt ist – konkret, nicht nur abstrakt.» Auf den einschlägigen Internetseiten werde die Schweiz «mehr genannt, als dies früher der Fall war», hielt Maurer fest. Zwar gebe es aktuell keine konkreten Hinweise für einen Anschlag. «Wir sagen uns aber intern trotzdem, dass auf die Dauer nicht die Frage ist, ob. Sondern wann.»

Es sind verschiedene Faktoren, die darauf hindeuten, dass die Schweiz zunehmend in den Fokus gerät. Besonders beunruhigt zeigt sich die Politik über die Situation um die Flüchtlinge. Anfang Woche hatte die Zeitung «Dagbladet» einen Coup des norwegischen Geheimdienstes PST enthüllt. Ihm war es gelungen, zehn Terroristen des Islamischen Staates (IS) und der mit al-Qaida verbundenen Al-Nusra-Front im Nahen Osten an der Einreise nach Norwegen zu hindern. Die Terroristen versuchten, als Flüchtlinge des Konvois der UN-Hilfsorganisation UNHCR getarnt, von Syrien nach Norwegen zu gelangen.

Die Meldung sorgt «für Alarmstufe rot», wie es FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger sagt. «Spätestens seit dem Fall Norwegen mache ich mir sehr grosse Sorgen, ob wir im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsstrom genug Sicherheitsvorkehrungen haben.» Sie reicht eine Interpellation ein. Auch die Schweiz plant, ein UNHCR-Kontingent von 3000 Syrien-Flüchtlingen aufzunehmen.

Einen – bekannten – Gefahrenherd stellen die Dschihad-Reisenden dar. Ende Mai hatte der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) Kenntnis von 68 Dschihad-Reisenden, die in Konfliktgebieten waren – oder es noch sind. In ganz Europa sind gemäss NDB seit 2011 «mehrere tausend Personen» in die Dschihad-Gebiete Syrien und Irak aufgebrochen. Im Dschihad-Monitoring seien zudem «über 200 identifizierte Nutzer aufgefallen, die in oder aus der Schweiz im Internet dschihadistisches Gedankengut verbreiten und sich mit Gleichgesinnten im In- und Ausland vernetzen», schreibt der NDB im Lagebericht 2015.

Dass der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) nach eigenen Angaben 14 Studenten finanziert wie den Ex-Lastwagenchauffeur R., der sich gemäss «Blick» in Jordanien zum Imam ausbilden lassen will, sorgt im Verteidigungsdepartement (VBS) für Stirnrunzeln. Saida Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, hielt im «Blick» fest, der IS betreibe Trainingslager an der syrisch-jordanischen Grenze. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass R. in einem solchen Lager ist.»

Ebenfalls als Gefahr gelten Islamisten, die eine Nähe zur somalischen Terrorgruppierung al-Shabaab haben, einem Teil des Al-Qaida-Netzwerks. Dem NDB seien mehrere Personen mit früherem Wohnsitz in der Schweiz bekannt, «die in ein Dschihad-Gebiet in Somalia gereist sind, um sich an Kampfhandlungen zu beteiligen», schrieb der NDB im Lagebericht 2013. «Sie halten sich zum Teil noch dort auf.» In diesem Zusammenhang sei im Sommer 2012 ein Einreiseverbot gegen einen ehemals in der Schweiz wohnhaften Jordanier ausgesprochen worden. Er soll in engem Kontakt mit al-Shabaab gestanden haben.

Dass die Schweiz verstärkt in den Fokus gerät, hat auch mit der zentralen Lage des Landes zu tun. In Basel, St. Gallen, Genf und Lugano können Dschihad-Reisende je nach Bedarf schnell zwischen Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien hin- und herswitchen.

Gilt in der Schweiz die Verlegung des Swiss Media Forum noch als Novum, sieht das in Deutschland schon anders aus. Dort wurden reihenweise Veranstaltungen abgesagt: eine Demo von Pegida, der Karnevalsumzug von Braunschweig, ein Radrennen in Frankfurt. Abgebrochen wurde die Fernsehshow «Germany’s Next Topmodel». «Eine solche Ballung angstbestimmter Reaktionen hat es in der Bundesrepublik lange nicht gegeben», schreibt «Der Spiegel» in der neusten Ausgabe. Die Behörden stünden «im Daueralarm». «Die Schweiz ist inzwischen genauso gefährdet wie alle europäischen Staaten», sagt FDP-Präsident Philipp Müller. «Das Beispiel Norwegen beweist es.»

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