Von Sibylle Birkenmeier*

Ich frage mich manchmal, kommt jetzt das Alter? Oder ist es schon da? Wenn mich jemand abrupt nach meinem Namen fragt, bin ich ganz unsicher . . .»

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt ist gestorben, war bis zuletzt auf der Bühne. Selbstironisch spielte er mit seinem Alter, mit seinem Sterben: «Ich freu mich. Auch als beschwipster Engel kriegst du dort ne Starterlaubnis!»

Meine erste persönliche Begegnung mit ihm war in der Garderobe des Kom(m)ödchens in Düsseldorf während meines ersten Engagements bei Lore Lorentz. Was ich von diesen beiden Grossen mitgenommen habe, dieser Anspruch ans Kabarett, hat mich geprägt. Was ich mit meinem Bruder zusammen auf der Bühne zeige, hat dort seine Wurzeln. Seit 30 Jahren als CH-Kabarettisten unterwegs, haben wir hier unseren eigenen Stil gefunden. Aber kabarettistisches Denken haben wir in Deutschland gelernt. Dort hat politisches Kabarett in den Medien einen festen Platz. Hildebrandt und seinen vielen Mitstreiterinnen haben wir das zu verdanken. Wir können dort gute Satire sehen, jederzeit.

Und in der Schweiz? Unsere Polit- und Medienkultur arbeitet mit dicken Wolldecken aus Filz. Die Vorgänge werden hier immer abgefedert, abgedeckt, gedämpft, zugedeckt, gepolstert. Vorsicht! Klartext ist doch nicht zumutbar! Staub von den Filzdecken aufgewirbelt wird allenfalls von der SVP, wenn sie es für günstig hält mal wieder unsere Ängste zu bewirtschaften.

Unter dieser schweren Decke bewegt sich seit Jahren auch unsere Satirelandschaft. Man ist ständig damit beschäftigt, ein vermeintliches Publikumsbedürfnis abzudecken. Mehr noch: Die alleinige Definitionsmacht über das, was Kabarett in der Schweiz zu sein hat, liegt bei einem einzigen TV-Sendegefäss.

Ein grosses Autorenteam schreibt dort wohnstubentaugliche Pointen für einen kleinen Kopf, der dort gross im Geschäft ist. Kleines Land braucht kleine Witze? Unter dieser Decke ist die Schweiz mehr und mehr zur satirefreien Zone geworden. Das beklagen heute selbst Medienleute.

Natürlich gibt es in der Schweiz eine reichhaltige Szene von witzigen Geschichtenerzählern, die sich geschickt zwischen Küche, Büro und Bratwurstprominenz bewegen, ohne viel Wind zu machen. Die Decke bleibt drüber. Wir lachen bi eus am liebsten systemerhaltend: ja, so sin mer halt! In der DDR war dieses Lachen verordnet, wir leisten uns das freiwillig.

Da hilft auch ein rosa Hahnenkamm nicht. Es heisst zwar, das sei Politsatire, aber keiner steht dahinter! Er steht hinter seinem Sektglas. Von Inhalten hat er sich längst verabschiedet.
Dieter Hildebrandt hat sein Kernanliegen an junge Kabarettisten so formuliert: «Sie lehnen sich zurück, setzen sich dem Publikum auf den Schoss. . . , es geht darum hinstehen zu können . . . und zwar gerade das ist schwer, das können leider nur ganz wenige.»

Aber so ganz ohne Satire wollen auch Herr und Frau Schweizer nicht bleiben. Wenn es zur Abwechslung mal richtig zur Sache gehen soll, bestellt man sich eben mal eine gute Fachkraft aus Deutschland ins Theater.

Dieter Hildebrandts Tod hat uns getroffen. Wir sitzen im Probekeller und schreiben an einem neuen Programm. Dass es ihn nicht mehr gibt, ist für uns ein grosser Verlust und zugleich ein mächtiger Ansporn. Hildebrandt hat Türen aufgestossen. Sie dürfen nie wieder zugehen.

Für die Schweiz hoffen wir, dass die Türen endlich einmal aufgehen. Satire ist ein Überlebensmittel. Auch für Schweizer. Aber ohne Neugier und Offenheit der Medien kann Satire nicht das, was sie soll. Etwas bewegen!

* Die Basler Kabarettistin hat den Salzburger Stier (1984), den Deutschen Kleinkunstpreis (1986) und den Oltner Kabarettpreis (1988) gewonnen. Ab 14. Mai 2014 ist sie mit einem neuen Duo-Programm mit ihrem Bruder Michael Birkenmeier in der Schweiz auf Tour.

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