Donnerstagabend. 30 Grad im Schatten. Auf dem Place de la Riponne in Lausanne hat sich eine 20 bis 30 Personen umfassende Drogenszene gebildet. Sie stehen und sitzen in Gruppen herum. Als die Polizei anrückt, verschwinden vor allem die Dealer. Zehn Minuten später ist die Polizei weg und die Händler wieder da.

Man fühlt sich 30 Jahre zurückversetzt. Damals sah man gleiche Szenen am Hirschenplatz, Bellevue und Stadelhofen in Zürich. Bis vor 20 Jahren die Situation auf dem Platzspitz aus dem Ruder lief und die offene Szene geräumt wurde.

So weit ist es in Lausanne noch nicht. Man sieht kein öffentliches Spritzen und die Szene ist überschaubar. Dass es aber trotzdem so weit kam, daran ist Lausanne nicht unschuldig. Seit den
80er-Jahren gibt es einen Drogengraben zwischen der welschen und der deutschen Schweiz. Die Romandie setzt bis heute einseitig auf die Repression.

In der deutschen Schweiz hingegen existiert seit rund 20 Jahren die 4-Säulen-Politik: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Die erste staatliche Heroinabgabe wurde 1994 ebenfalls in Zürich lanciert und existiert seither in allen grossen Städten. Im Welschland gibt es sie nur in Genf.

Das Bundesamt für Gesundheit bedauert die fehlende Überlebenshilfe, inklusive Heroinabgabe: «Diese trägt zur Verringerung der negativen Folgen des Drogenkonsums für die Abhängigen bei. Zudem kommt es dadurch zu weniger Beschaffungskriminalität. Aus diesen Gründen begrüsst das BAG jedes Engagement von Gemeinden und Kantonen in diesem Bereich», sagt BAG-Mediensprecherin Mona Neidhart.

Der Lausanner Stadtregierung muss man immerhin attestieren, dass sie 2007 ein «Fixerstübli» und eine Anlaufstelle für Drogenabhängige errichten wollte. Die Abstimmungsdebatte verlief äusserst aggressiv. Die SVP lancierte ein Plakat mit dem Slogan: Ein Schuss für unsere Kinder? Darauf sah man Wilhelm Tell, der statt der Armbrust eine Spritze in der einen und Walterli an der anderen Hand hielt. Das «Fixerstübli» wurde mit 54,6 Ja-Stimmen abgelehnt.

Zurück zum Place de Riponne. «Was Sie hier sehen, ist nur die öffentliche Heroinszene der untersten Stufe. Weiter oben am Place du Tunnel sind die Schwarzen und verkaufen Kokain. Und es gibt noch weiter Orte wie die Rue de Bourg, wo Drogen gedealt werden», sagt der Betreiber eines Cafés am Platz.

Er sitzt kurz ab: «Seit die Tunesier und die Schwarzen da sind, hat sich die Drogensituation geändert. Früher gab es Lokale, da haben sich die Süchtigen getroffen und verdeckt unter der Hand kleine Mengen Drogen verschoben. Aber jetzt ist alles öffentlicher und aggressiver. Dazu gibt es immer mehr Süchtige, weil die Dealer mit tiefen Preisen mehr Kunden anfixen.»

Der grüne Stadtpräsident Daniel Brélaz tönt am Telefon genervt: «Ich habe Ferien und will Sie nicht an der Drogenszene treffen. An der Zürcher Langstrasse ist es auch nicht besser.» Nachdem die welschen Medien die offene Drogenszene in Lausanne zum Thema machten, ist der ehemalige Nationalrat Brélaz unter Druck. Er versprach, das Problem bis spätestens 2014 zum Verschwinden zu bringen. Das Problem existiert schon seit mehreren Jahren. «Brélaz hat in dieser Zeit nichts unternommen», kritisiert ein Cafébesitzer. Sarkastisch fügt er an: «Er müsste ja nur in Zürich anrufen und sich erkundigen, wie man eine Drogenszene auflöst. Am besten schicken die auch gleich ihre Polizei. Im Gegensatz zu unseren Flics wissen diese, wie man Dealer hart anpacken muss.»

Einen gangbaren Weg für den Stapi hat das BAG auf Lager: Brélaz könnte die bewährte 4-Säulen-Politik in Lausanne einführen – inklusive Heroinabgabe. «Die gesetzliche Vorgabe dafür existiert seit November 2008», sagt BAG-Sprecherin Neidhart. Damals stimmten 68 Prozent der Schweizer einer entsprechenden Revision des Betäubungsmittelgesetzes zu.

Dass diese Strategie funktioniert, sieht man in Genf, die als einzige Stadt der Romandie über ein Gassenzimmer und eine Heroinabgabe verfügt. Eine offene Drogenszene gibt es nicht.

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