Seit Wochen diskutiert die Schweiz über die Zukunft der Ehe – nun schaltet sich eine überparteiliche Gruppe um den Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann in die Debatte ein. Er steht an der Spitze von 13 Parlamentariern aus allen Parteien, die sich in der Interessengemeinschaft «Gesellschafts-Liberale ParlamentarierInnen» zusammengefunden haben. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, «ohne Scheuklappen» einen Dialog über gesellschaftspolitische Reformen zu führen.

Das heutige Familienrecht, sagt Portmann, sei veraltet: «Es bildet die Lebensrealitäten nicht mehr ab.» Er will deshalb eine grundlegende Neuregelung. Als gesetzliches Dach schwebt ihm die «dokumentierte Lebensgemeinschaft» vor: ein zivilrechtlicher, beglaubigter Vertrag zwischen zwei oder mehreren Menschen. Wer einen solchen Vertrag schliesse, soll den Zivilstand «verheiratet» erhalten. Portmann unterscheidet drei Grundpfeiler:

> Die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau, wie sie heute besteht und nicht angetastet werden soll.
> Die eingetragene Partnerschaft. Sie soll offen sein für hetero- wie auch für homosexuelle Paare.
> Die «erweiterte Lebensgemeinschaft» für Formen wie die Patchwork-Familie, Geschwister, die ihr Leben gemeinsam verbringen, oder Hausgemeinschaften mit Kindern von verschiedenen Eltern.

Alle Lebensformen müssten dabei in allen Belangen den gleichen gesetzlichen Schutz wie heute die Ehe haben, sagt Portmann. «Ein Mann, der mehrere Kinder aus verschiedenen Beziehungen hat, soll beispielsweise seine Einkommen aus der Pensionskasse oder Lebensversicherung innerhalb seiner Lebensgemeinschaft aufteilen dürfen.» Zentral sei der Schutz der Kinder: Diese sollten, wenn sie innerhalb einer erweiterten Lebensgemeinschaft aufwachsen, die gleichen Rechte und Ansprüche haben wie Kinder aus einer Ehe.

Seine Vorschläge begründet Portmann, der in einer eingetragenen Partnerschaft mit einem Mann lebt, mit dem gesellschaftlichen Wandel – und mit den Anforderungen des Alltags. «Viele Leute wissen heute gar nicht, was sie angeben sollen, wenn sie in einem Formular nach ihrem Zivilstand gefragt werden.» Die Debatte um das Familienrecht müsse versachlicht werden: «Der Staat hat sich aus den Schlafzimmern seiner Bürger herauszuhalten.»

Reformieren will Portmann auch das Adoptionsrecht. «Die Frage, ob Adoptionen zulässig sind, soll alleine gestützt auf das Kindeswohl beantwortet werden, unabhängig von der Form der Lebensgemeinschaft.»

Mit Justizministerin Simonetta Sommaruga traf sich die Gruppe in der Wintersession des Parlaments. Die SP-Frau legt dem Bundesrat in den nächsten Wochen einen umfassenden Bericht zu einem «zeitgemässen Familienrecht» vor. Aufnehmen will sie darin auch das Gutachten der Basler Familienrechtlerin Ingeborg Schwenzer, das vor Jahresfrist auf heftige Kritik stiess, weil es ebenfalls weitreichende Änderungen vorschlägt.

Zu den «Gesellschafts-Liberalen ParlamentarierInnen» zählen neben Portmann, der als Koordinator auftritt, die Nationalräte Andrea Caroni und Daniel Stolz (FDP), Guillaume Barazzone (CVP), Thomas Hurter und Nadja Pieren (SVP), Rosmarie Quadranti (BDP), Isabelle Chevalley (GLP), Martin Naef, Chantal Galladé und Nadine Masshardt (SP) sowie die Grünen Alec von Graffenried und Aline Trede.

Ob Portmann innerhalb seiner Fraktion Unterstützung erhält, ist fraglich. Zuletzt lehnten die FDP-Vertreter in der Rechtskommission des Nationalrats eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen ab, die die Ehe auch für homosexuelle Paare zugänglich machen will. Auch Portmann hält die Initiative nicht für den idealen Weg: «An der traditionellen Ehe sollten wir nicht rütteln. Aber wir sollten Alternativen aufzeigen, die der gesellschaftlichen Realität entsprechen – auch wenn es noch Jahre dauert, bis diese mehrheitsfähig werden.»

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