Emma Masiero spricht fliessend Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch. Personalchefs würden sie als jung und dynamisch bezeichnen. Die gebürtige Florentinerin lebt in Zürich und verwirklicht, was ihr in Italien nicht möglich war – eine Karriere. Sie arbeitet als Interior Designer bei Natuzzi, einem Hersteller von Luxusmöbeln.

Ende März dieses Jahres lebten 315 157 Italiener in der Schweiz. Sie sind damit neu die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe. Nun kommen sie also wieder, unsere Amici. In den Sechzigern schimpften wir sie noch «Tschingge», doch im Herzen sind sie heute wohl unsere Lieblingsausländer.

Noch immer machen auch die Deutschen einen grossen Teil der ausländischen Bevölkerung aus. Doch ihre Zahl sinkt. Seit 2009 reisen weniger Deutsche ein und mehr aus. In derselben Zeitspanne hat sich die Nettozuwanderung der Italiener verdreifacht. Bezüglich Wachstum an zweiter Stelle folgt Frankreich.

Karriere im Vordergrund
«Die heutigen italienischen Zuwanderer sind zwischen 20 und 45 Jahre alt, studiert und wollen in der Schweiz Karriere machen», sagt Gianni D’Amato, Professor für Migration an der Universität Neuenburg. «Sie verdienen 5 bis 10 Prozent mehr, als jene Italiener, die vor 2009 in die Schweiz eingewandert sind.» Zu diesem Ergebnis kommen die Demografen um Philippe Wanner im Team des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Zwischen Migration und Mobilität», das Gianni D’Amato leitet. Letzterer ist selbst Sohn italienischer Migranten. Die Generation seiner Eltern jedoch kam in die Schweiz, um Wohnungen, Häuser, Strassen und Tunnels zu bauen.

Heute sind die meisten italienischen Einwanderer Akademiker. Als Banker, Marketingspezialisten und Unternehmensberater suchen sie vor allem in den grossen Städten ihr berufliches Glück.

Bei den Franzosen sieht es ähnlich aus. Gérard Martinez kam vor 30 Jahren von Frankreich nach Basel. Er engagiert sich heute bei der Vereinigung der Schweizer Franzosen. Die Franzosen würden sich gar nicht gross von Schweizern unterscheiden. «Auch sie wollen etwas aus dem Leben machen und nach dem Studium in einem spannenden Job Fuss fassen.» In Frankreich sei dies wegen fehlender Jobs deutlich schwieriger. Deshalb sei insbesondere die Romandie für viele eine Option. Doch nicht nur. Wegen der Pharmakonzerne kämen junge Franzosen auch zunehmend nach Basel oder würden in den Grossraum Zürich ziehen, um bei einer Bank zu arbeiten.

Die Sprache ist jedoch meist ausschlaggebend, in welchem Landesteil sich die Zuwanderer niederlassen. In der Deutschschweiz sind es deshalb immer noch die Deutschen, die zahlenmässig dominieren (siehe Grafik). Das könnte sich jedoch bald ändern. Letztes Jahr haben über 15 000 Deutsche der Schweiz den Rücken zugekehrt. Deutschland unternimmt derzeit viel, um die Fachkräfte zurück ins Land zu holen. So lancierte das Bundesministerium vor vier Jahren die Fachkräfte-Offensive und Bayern startete die Initiative «Return to Bavaria». Zwar ist das Projekt mittlerweile eingestellt, dafür ist die prosperierende Wirtschaft ausschlaggebend, dass Deutschland für Fachkräfte wieder attraktiv wird.

Schwierigkeiten im Tessin
Ganz anders sieht es in Italien und Frankreich aus. Hundert Bewerber auf eine Stelle als Ingenieur – das lässt selbst Optimisten verzweifeln. In Italien finden von den 15- bis 24-Jährigen 40 Prozent keinen Job, in Frankreich sind 25 Prozent der Jugendlichen arbeitslos.

Mit der Eurokrise hat sich dieses Phänomen noch verschärft. «In Italien finden sie keine Arbeit und wenn, dann nur schlecht bezahlte, mit geringen Karriereaussichten», sagt Giangi Cretti, Kommunikationsleiter der italienischen Handelskammer der Schweiz. «Cervelli in fuga», also Hirne auf der Flucht, nennt er die neuen italienischen Einwanderer.

Den Weg in die Schweiz haben ihnen die italienischen Einwanderer der 1950er-Jahre geebnet. «In der Deutschschweiz werden die Italiener geschätzt. Sie sind Vorzeigemigranten.»

Anders sei es im Tessin. Die Beziehung zwischen den Italienern und den Tessinern sei kompliziert, sagt Cretti. «Die Tessiner sprechen die italienische Sprache und leben die italienische Kultur. Doch sie wollen keine Italiener sein, sondern sich von ihnen abgrenzen.» Die Tessiner befürchten, dass die Italiener ihnen die Jobs wegnehmen. Fest steht: Die hochqualifizierten Zuwanderer mischen den Schweizer Arbeitsmarkt auf. Mit positiven und negativen Auswirkungen: So hätten die Deutschen in den vergangenen Jahren massgeblich zum Schweizer Wachstum beigetragen, sagt Ilka Steiner, Demografin an der Universität Genf. Gleichzeitig kam es zu Missstimmungen und Reibereien. «Einige Deutsche hatten sicher falsche Vorstellungen von der Schweiz, und manch ein Schweizer war sich die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht gewohnt», sagt Steiner. Das Klima wurde gehässiger. Die Zeitung «Blick» fragte: Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz? Die Meinungen in den einschlägigen Foren waren schnell gemacht: «Die meisten kommen doch nur in die Schweiz, um grosses Geld zu verdienen.»

«Das politische Klima wirkt sich auf die Zuwanderung in die Schweiz aus», sagt Denise Efionayi-Mäder von der Universität Neuenburg. «Insbesondere die Masseneinwanderungsinitiative hat den Deutschen gezeigt, dass sie nicht nur willkommen sind.» Wie sich das politische Klima künftig entwickeln wird, mit den Italienern und den Franzosen als grösste Einwanderungsgruppe, ist offen. Efionayi-Mäder sagt: «Das historische, kulturelle und sprachliche Verhältnis der Romands zu den französischen Zugewanderten ist weniger belastet als das zwischen den Deutschen und den Deutschschweizern.» Doch im Tessin ist die Lage politisch und wirtschaftlich wesentlich brisanter.

«Dann kann vieles passieren»
Was passiert, wenn die italienische Migration zunimmt? Wird es ähnliche Ressentiments geben, wie zu Zeiten der Schwarzenbach-Initiative? Gianni D’Amato von der Universität Neuenburg meint, dass unabhängig von sogenannt kulturellen Affinitäten bei der Einwanderung die öffentliche Wahrnehmung stets in alle Richtungen ausschlagen kann. Er sei ein Pessimist: «Wenn ich zurückschaue, was ich in den letzten 50 Jahren an Schweizer Politik schon alles erlebt habe, dann kann vieles passieren.»

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