Gebetsmühlenartig wiederholen Wirtschaft und Politik, dass wir Schweizer immer älter werden, und malen deswegen den Teufel an die Wand. Um bei der stetig steigenden Lebenserwartung die Altersfürsorge noch bezahlen zu können, soll das Rentenalter erhöht und der Umwandlungssatz der Renten gekürzt werden. Avenir Suisse warnt vor einer «Diktatur der Alten», die via Stimmzettel Reformen der Sozialwerke blockieren, um sich ihre Altersvorsorge zu sichern. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Der Angriff gegen Senioren und ihr Renten-Portemonnaie wird immer gehässiger geführt. Bereits werden sie in den Medien als ein einig Volk von Gerontokraten (Herrschaft der Alten) betitelt.

Die Panikmache gegen die Methusalem-Generation könnte sich als Sturm im Wasserglas entpuppen. Grund: Die Behauptung, dass wir immer älter werden und deshalb die Sozialwerke sanieren müssen, stammen aus einer einzigen Quelle. Es sind die Daten der Bevölkerungsentwicklung, welche das Bundesamt für Statistik (BFS) erhebt. Dabei sagt das BFS dazu Erstaunliches: «Wir machen keine Studien zur Altersvorsorge, sondern produzieren nur Informationen über die vergangene und künftige Entwicklung der Sterblichkeit.»

Schweiz auf dem Spitzenplatz
So gesehen ist die Altersstatistik eine Schönwetterprognose, die keinerlei Szenarien untersucht, die für eine zukünftig sinkende Lebenserwartung sprechen. Dabei gibt es gute Gründe, dass sie ab Mitte der 30er-Jahre stagnieren oder bereits sinken wird. Auf Nachfrage wird beim Bund nur eine Studie (Die Zukunft der Langlebigkeit in der Schweiz) genannt, die ein Expertenteam im Auftrag des BFS 2009 erstellt hat und sich ansatzweise damit befasst. Aber auch darin wird vor allem aufgelistet, warum die Schweiz zur Zeit weltweit den Spitzenplatz bei der Lebenserwartung anführt – 81 Jahre bei den Männern und 85 Jahre für die Frauen (Stand 2014).

Vor einer Trendwende hin zu kürzerer Lebenserwartung hat auch schon das Bundesamt für Gesundheit BAG gewarnt. Und in einer Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) heisst es: «Nach Meinung von Experten könnte die heutige Generation die erste sein, die eine tiefere Lebenserwartung hat als die vorhergehende.»

Die Fakten, warum die Langlebigkeit der zukünftigen Rentner sich als Methusalem-Lüge entpuppen könnte, werden in der Schweiz ignoriert. Dabei ist laut BFS das Wachstumstempo bereits seit den 1980er-Jahren etwas abgeflaut. Dieser Trend ist in europäischen Ländern, die mit unserem Land vergleichbar sind, noch ausgeprägter. Im Vereinigten Königreich, in Belgien, Dänemark, Norwegen und den Niederlanden war schon ein Stillstand oder sogar eine rückläufige Entwicklung der Lebenserwartung zu beobachten.

Die derzeitige Zunahme der Lebenserwartung in der Schweiz und in den meisten industrialisierten Ländern ist im Wesentlichen auf den Rückgang der Sterblichkeit bei älteren und hoch betagten Personen zurückzuführen. Die wesentlichen Faktoren für diese Entwicklung: Die Verbesserung der Lebensbedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Genannt werden dazu vor allem folgende Faktoren: medizinische Fortschritte, insbesondere die erfolgreiche Bekämpfung der Infektionskrankheiten, die ein vorherrschendes Problem der Volksgesundheit darstellten. Steigende Löhne und die Einführung der staatlichen Altersvorsorge.

Haupttodesursachen sind heute langsam verlaufende Erkrankungen. Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen sind für 60 Prozent der Sterbefälle bei über 60-Jährigen verantwortlich. Die Voraussetzungen, daran zu erkranken, liegen bereits zu Beginn des Erwachsenenalters oder noch früher vor.

Länger leben heisst nicht unbedingt gesund leben: Betagte Männer leiden im Schnitt 4 und Frauen 6 Jahre ihres Lebens an krankheitsbedingten Behinderungen (gehen, baden, ankleiden usw.). Sie beginnen bei Männern statistisch gesehen im Alter von 75 Jahren. Bei den Frauen ein paar Jahre später (Wissenstand 2009). Wegen der Zunahme von chronischen Erkrankungen, gibt es Prognosen, dass deshalb Senioren in Zukunft weniger lang bei guter Gesundheit alt sein werden.

Ewige Liebe kann tödlich sein
Ein Phänomen erhöhter Sterblichkeit von alten Personen ist der Witwen-Tod. Stirbt der Partner oder die Partnerin, kommt es gehäuft vor, dass der noch lebende Teil kurz danach auch stirbt. Geht also die Sterblichkeit im hohen Alter allgemein zurück oder steigt sie an, hat das einen verstärkten Effekt auf die Sterblichkeit bei Ehepaaren. In Schönheit altern geht leider auch nicht: Anti-Aging-Behandlungen sind heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt und ein Multimillionen-Geschäft. Aber bis heute gibt es weder empirische noch experimentelle Beweise dafür, dass sich der Alterungsprozess künstlich verlangsamen lässt. Geschweige denn, dass damit die Lebensdauer verlängert werden kann.

Was für die Anti-Aging Industrie gilt, könnte auch für die zukünftigen Rentner Gültigkeit haben. Zitat aus der Studie: «Obschon nichts auf eine Verlangsamung des Anstiegs des Sterbealters hindeutet, besteht auch kein Grund zur Annahme, dass die Lebenserwartung in der Schweiz unbegrenzt steigen wird.»

Das sind die Hauptgründe für eine zukünftig sinkende Lebenserwartung:

Chronische Krankheiten
2,2 Millionen Menschen in der Schweiz leiden an chronischen Krankheiten. Tendenz steigend. Bereits leidet ein Fünftel der über 50-Jährigen gleichzeitig an mehreren chronischen Krankheiten. Kann man diese Tendenz nicht stoppen, wird die Lebenserwartung in Zukunft sinken.

Fettleibigkeit
Das Übergewicht spielt wegen seines Zusammenhangs mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebserkrankungen eine Schlüsselrolle für eine sinkende Lebenserwartung. In der Schweiz ist jeder zehnte Erwachsene krankhaft übergewichtig, fast jede zweite Person zu dick. Im Dickmacher-Land USA dürfte deshalb die Lebenserwartung bei der Geburt als Folge des Übergewichts um 2 bis 5 Jahre sinken. In der Schweiz mit etwas weniger dicken Menschen dürfte sie etwas geringer ausfallen.

Tabakkonsum
In der Schweiz hat sich die Lebenserwartung im Jahr 2000 wegen des Tabakkonsums bei Frauen um 0,5 und bei Männern um 1,5 Jahre verringert. Daran wird sich in Zukunft nicht viel ändern. Es wird zwar ein Rückgang der sehr stark Rauchenden beobachtet, gleichzeitig stieg aber der Anteil an nicht täglich Rauchenden. Dadurch hat sich der Anteil der Rauchenden insgesamt kaum verändert. Und die Jugendlichen (besonders die jungen Frauen) in vielen europäischen Ländern rauchen wieder mehr als ihre Eltern. Dies dürfte sich auch in der Lebenserwartung irgendwann zeigen. Beim Lungenkrebs haben die Frauen drastisch aufgeholt: Innert 20  Jahren hat sich die Zahl der weiblichen Lungenkrebstoten in Europa mehr als verdoppelt – von 474 auf 1079 Tote jährlich.

Genetische Faktoren
Studien bei Zwillingen haben gezeigt, dass ein Viertel der Gesamtunterschiede in der Lebensdauer auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. So haben 5 bis 10 Prozent aller von Krebs betroffenen Patienten in der Schweiz eine angeborene Veränderung in der Erbsubstanz, welche Krebs begünstigt. Bei weiteren etwa 20 Prozent liegt wahrscheinlich eine gewisse Veranlagung vor. Generell nehmen Krebserkrankungen zu. Hauptgrund dafür ist die noch demografische Entwicklung mit einer Zunahme an älteren Menschen. Die gute Nachricht: Krebspatienten haben heute dank medizinischen Fortschritten eine längere Überlebenschance.

Die weniger gute Nachricht: In der BFS-Studie von 2009 sind neue Faktoren, die zu einer kürzeren Lebenserwartung führen können, noch gar nicht enthalten. Zu erwähnen sind die Zunahme von Depressionen, vor allem bei alten Menschen, der Einfluss des Klimawandels und die Folgen der digitalen Revolution auf unsere Leben. Weiter: Die Angst vor Arbeitslosigkeit, Zunahme von Stress und die sich verschlechternde globale Entwicklung mit Flüchtlingsströmen, Krieg und Terror.

Keine guten Aussichten für eine unbegrenzt steigende Lebenserwartung. Aber in der Schweiz herrscht noch immer die Meinung vor, wir würden immer älter. Paradoxerweise verfolgt die bürgerliche Mehrheit im Parlament eine Politik, die ebenfalls einen Rückgang der Lebenserwartung begünstigt. So wollen sie beispielsweise bei der Gesundheits-Prävention und Bildung, beides gewichtige Faktoren für ein langes Leben, Kürzungen vornehmen.

Der Präventionsgedanke bei der Altersvorsorge funktioniert allerdings noch beim BFS. «Für die Sozialversicherungen ist es wichtig, dass nach dem Prinzip der Vorsicht gehandelt wird. Zu vorsichtige Annahmen bei der Lebenserwartung verursachen den Versicherungen keine nennenswerten Schwierigkeiten, die nicht rasch korrigiert werden können. Umgekehrt können zu pessimistische Annahmen zu Finanzierungsproblemen führen, die möglicherweise nicht mehr rechtzeitig korrigiert werden können», sagt das Amt. Pessimistisch bedeutet hier, dass die Leute älter werden, als man angenommen hat.

Diese Strategie verfolgt auch SP-Bundesrat Alain Berset in seinen Vorschlägen für die Altersvorsorge 2020. Er schlägt eine flexible Erhöhung des Rentenalters vor, die bürgerliche Mehrheit will es auf 67 Jahre erhöhen. Ein höheres Rentenalter scheint das Allerweltsheilmittel zu sein, wie die Schweiz finanziell mit der älter werdenden Bevölkerung und einer zu geringen Geburtenzahl umgehen soll. Doch bereits vor der Parlamentsdebatte im Herbst weht dem Innenminister ein rauer Wind entgegen. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage der «Sonntagszeitung» ergab, dass die Schweizer kein höheres Rentenalter wollen.

Eisern daran festhalten, dass Herr und Frau Schweizer immer älter werden, wollen auch die privaten Anbieter. Sie machen mit der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge gute Geschäfte. Eine Umfrage der «Schweiz am Sonntag» bei einem Dutzend Institutionen ergab, dass die meisten ihre diesbezüglichen Werbebudgets in Zukunft erhöhen wollen. Bei einer höheren Lebenserwartung winkt ein noch lukrativerer Markt.

Ewige Liebe mag es geben. Aber nicht ewiges Leben. Wenn die Lebenserwartung wie prognostiziert in industrialisierten Ländern nur noch etwa bis Mitte 2030 steigt, wäre das durchschnittliche Alter von Männern und Frauen zusammengerechnet 85 Jahre. Sollten sie Recht behalten, würde sich die künftige Rentendiskussion einfacher gestalten – auch wenn die Schweizer als Alters-Weltmeister etwas über diesem Schnitt liegen würden.

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